Transsib (2): Die ersten fünf Länder

24.  & 25. Jänner 2009

Endlich ist es soweit: Ich sitze am Samstag um 17:32 im Eurocity nach Wien. Herbert begleitet mich noch zum Bahnhof und hilft beim Tragen. Der Rucksack hat nun doch voll beladen 21 kg und im kleinen Rucksack sind ein paar Mineralwasser-Flaschen und Unmengen an Krimskrams verstaut. Bis Moskau muessen Fressalien und Mineralwasser weg sein, sie sind einfach viel zu schwer zu tragen. Zum Abschied gibt’s im Speisewagen Backhendl-Salat – er wird aber dem Abschied in kulinarischer Hinsicht nicht gerecht. Bis zur Abfahrt des “Chopin” von Wien nach Moskau treffe ich mich noch mit Hannes auf einen gemuetlichen Kaffee-Tratsch.

"Check in" im Schlafwagen Wien - Moskau

Als wir gegen 22 Uhr zum Bahnsteig kommen, steht der Zug auch schon zum Einstieg bereit. Nur ein oder zwei Waegen fahren nach Moskau, der Rest nach Berlin-Wannsee, Minsk, Prag und Warschau. Beim Einstieg sammelt ein russischer Schaffner bereits meine Fahrscheine ein, ich werde sie erst beim Ausstieg in Moskau wieder bekommen. Hannes fotografiert noch schnell (heimlich) mich und den Schaffner – der motzt ein bisschen mit einem deutlichen “Njet”.

"Check in" beim Schlafwagen in Wien-Westbahnhof

Im Zug treffe ich Denis – er ist mein “Abteilgenosse” fuer die naechsten 22 Stunden bis Minsk. Alle Ablagen sind bereits mit Gepaeck vollgestopft, mein Rucksack und die kleinen Sachen haben nur mehr am Boden Platz. Gottseidank habe ich “Double” gebucht, wo hier ein dritter noch Platz haben sollte ist mir unverstaendlich. Denis kann ein kleines bisschen Englisch und ist sonst auch sehr “pflegeleicht”.

Um 22.12 dann Abfahrt von Wien – Servus Vienna. Trotz der mitgeschleppten Muedigkeit vom Vortag (war noch nett, das Abschiedfeiern, Gernot und Josef 🙂 ) denke ich noch nicht an schlafen. Ich bin zu gespannt, was sich draussen trotz Dunkelheit so tut. Vor Ostrava in Tschechien klappt es dann doch mit einem Nickerchen. Erst heftige Rucke in Bohumin, an der Tschechisch – Polnischen Grenze, reissen mich aus dem Schlaf. Unser Waggon wird sehr unsanft von einer Diesellok ueber den Bahnhof bugsiert – mal einen Kilometer in die eine Richtung, dann einen Kilometer in die andere, dann 5 Stoesse im Schritt-Tempo ordentlich drauf… Das Schauspiel dauert mit Unterbrechungen ueber eine Stunde. Unser Zug wird offensichtlich neu zusammengestellt. Welche Waggons weg und welche neu dazu kommen kann ich leider nicht feststellen. Dann schlafe ich endlich sanft ein.

“Tagwache” am Sonntag erst gegen 10 Uhr, wir fahren durch ein ziemlich nebeliges und feuchtes Polen. Waschen im Zug geht dank aufhaengbarem Kulturbeutel sehr unproblematisch. Auch ueber die Jogginghose und die Hausschuhe bin ich sehr froh, dass ich sie im letzten Moment noch eingepackt habe. Alle Fahrgäste waren schon 10 Minuten nach der Abfahrt in legerer Kleidung. Die Hoffnung nach einem “offiziellen” Fruehstueck hat sich schnell zerstreut. Der Schlafwagenschaffner verkauft allerdings Kaffee und Tee um jeweils einen Euro. Der Samowar als russische Grundausstattung eines jeden Schlafwagens ist schon bereit. Die Zubereitungsart war allerdings eher tuerkisch: Filterkaffee + Zucker ins Teeglas, kraeftig umruehren, dann Milch drauf und fertig. Nachdem sich der Kaffee gesetzt hat, kann man dieses “Gebraeu” doch ganz gut trinken. Und zur Jause hatte ich ja ohnedies genug mit – der Tag kann also beginnen 😉

Blick durchs Zugfenster in Polen und russisches Teeglas

Die polnische Landschaft zieht an mir vorueber. Sie praesentiert sich sehr feucht mit Hochnebel. Schnee liegt keiner. Wir fahren langsam, die Schienenstoesse sind allerdings mehr als intensiv zu spueren. Ich denke an Rumaenien “rattatitak…rattatitak…”. Doch das Abteil ist sehr gut geheizt…man meint es fast zu gut mit uns bei 25 Grad. Bei diesem diffusen Licht und dieser Landschaft fuehlt man sich zeitlos, nur wenige Haeuser kommen in Sicht und wir fahren auf die Weissrussische Grenze zu.

Ich ertappe mich dabei dass, ich zunehmend nervoeser werde, je naeher wir zur Grenze kommen. Ich habe das Gefuehl, auch Denis ist nicht mehr so entspannt wie zuvor. Der Imigrationszettel liegt vor mir und ich ueberlege noch, ob die einladende oder die tatsaechliche Unterkunft eingetragen werden muss. Ich durchforste die Reisefuehrer, sie widersprechen sich. Ausserdem hat “Adlerauge” Papa entdeckt, dass beim russischen Visum mein Name in der Computerzeile falsch geschrieben ist. Aber was solls – im schlimmsten Falle ist der Urlaub hier zu Ende.

Terespol – die Polnischen Grenzer kommen. EU-Buerger: Kurzer Blick, Danke. Belaruss: Stempel, Computer-Durchziehen, blaettern, stempeln. Danke. Alles sehr freundlich. Dann faehrt der Zug weiter ueber einen Fluss. Hier hat sich scheinbar seit der Wende noch nichts geaendert. Auf jedem Brueckenkopf eine Aussichtsplattform – einmal Polen, einmal Weissrussland. Auf weissrussischem Gebiet ist die Bahnstrecke mit einer Mauer und Stacheldraht umgeben. Scheinwerfer und Kameras machen das “Grusel-Bild” am verregneten Nachmittag komplett. Dann der Weissrussische Kontrollpunkt nach etwa 2 km Fahrt.

Ich ueberlege, doch noch mal im Reisefuehrer wegen der Imigration-Card nachzuschauen, da sagt Denis schon “Passport” zu mir. Gesichtskontrolle und unsere Paesse verschwinden mit Grenzer und Schaffner. Ich muss an Bruni denken – die grossen Muetzen gibt es noch, “gestempelt” wird aber nicht mehr vor dem Fahrgast. Dann kommt eine staerkere Frau zur Zollkontrolle. Sie wuerdigt mich keines Blickes und ist nur mit Denis beschaeftigt. Auch das waere ueberstanden. Ich bin froh, dass ich meinen “mobilen Haushalt” nicht ausraemen muss – das waere ein Chaos geworden… Ich hab das Gefuehl, als falle Denis auch ein Stein von Herzen. Und da kommt auch schon wieder der Grenzer mit den Paessen. “Mister Gerhard” sagt der – ich erwartungsvoll “Yes”…eine nervtoetende Sekunde…dann bekomme ich den Pass mit Weissrussischem Einreisestempel zurueck. Kaum aus dem Kontrollpunkt draussen, beginnt Denis zu telefonieren und hoert die naechsten Stunden bis Minsk nicht mehr damit auf. Das Weissrussische Handynetz duerfte also gut ausgebaut sein…

Etwa 2,5 Stunden dauert die ganze Kontrolliererei. Ein paar Kilometer weiter, der erste richtige Bahnhof in Weissrussland: Brest. Wir werden von Babuschkas und auch huebschen Russinnen gestuermt. Jede hat etwas zu verkaufen. Essen, Zigaretten, Bier,… Mit einem strahlenden Laecheln flitzen sie um die Wette durch die Waggons und versuchen etwas zu verkaufen. Sie lassen sich auch nicht davon abhalten, als der Zug in die Umspurhalle, etwa 2 km entfernt, faehrt. Dort wird der Zug in die einzelnen Waggons “zerlegt” und jeder Waggon dann um etwa einen Meter gehoben. Dann kommen statt der fuer Europa ueblichen 1.435 mm die Fahrgestelle fuer die Russische Breitspur (1.524 mm) “unter uns” rein. Bei der Hinfahrt haben wir bereits hunderte Fahrwerke ohne Waggons auf den Schienen gesehen.

Fahrgestelle vorm Bahnhof Brest - Weißrussland

Wagenhalle Fahrgestellwechsel in Brest - Weißrussland

Sind die “Raeder” an der richtigen Position, wird der Wagenkasten einfach wieder aufgesetzt. So faehrt sich’s doch gleich leichter mit einem neuen Untersatz. Bei der Umspur-Aktion bemerke ich, dass ich doch nicht der einzige deutschsprachige in unserem Waggon bin. Ein Paerchen aus Linz – er Oesterreicher, sie Weissrussin – sind auch im Zug. Wir haben den gleichen Weg bis Minsk.

Der weitere Abend verlauft ruhig, ab Minsk habe ich das Abteil fuer mich allein. Beinahe haette ich die Zeit falsch gestellt, laut Reisefuehrer ist bereits ab der Grenze eine zweistuendige Zeitverschiebung. Dem ist aber nicht so – Weissrussland hat nur eine Stunde Unterschied zu Oesterreich. Da haette ich doch glatt den Wecker zum Aussteigen falsch gestellt. Gemuetlich noch einen Tee getrunken, nochmal das russische Alphabet durchlesen und dann ab in die Haia…

Tee trinken im Schlafwagen Wien - Moskau

…dachte ich… natuerlich wieder einmal viel zu neugierig um zu schlafen. Ausserdem scheint sich die “Zeitverschiebung” doch bemerkbar zu machen. So muss nach einem kurzen Nickerchen doch noch eine Mitternachtsjause her. Das letzte Brot von Billa und der Vitalaufstrich von Inzersdorfer muessen dran glauben. An Schlafen ist danach trotzdem nicht zu denken.

Orscha. Der letzte Stopp in Weissrussland. Neugierig rausschauen was sich so gegen Mitternacht tut. Unser Schlafwagenschaffner entsorgt den Muell am Bahnsteig in einem Muelleimer, daneben steht eine aeltere Frau, die die Saecke sofort aufreisst und durchsucht. Das nenne ich Arbeitseinsatz um diese Uhrzeit – oder doch die bittere Not? Sie findet einige Pfandflaschen – den Schaffner haben diese anscheinend nicht mehr interessiert. Das extreme Sozialgefaelle wird hier sichtbar.
Nachtstimmung Bahnhof Orscha - Russland
Weiterfahrt Richtung Moskau. Unerwartet bin ich bei unserem ersten Stopp in Russland – Smolensk – “live” mit dabei. Es ist 2:14 Moskauer Zeit, 0:15 in Oesterreich. Eine tolle Szene eroeffnet sich mir auf den ersten Kilometern nach dem Bahnhof. Eine mystische Stimmung aus leichtem Nebel, Lichtspielen und kleinen Haeusern. Der Zug nimmt Fahrt auf. Jetzt gibt es nur noch einen Stopp bis Moskau, den ich aber nicht mehr bemerke. Irgendwann schlaf ich ja doch ein…

 

Weiterlesen im Live-Reisetagebuch Transsibirische Eisenbahn:


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Kommentare

  1. Wow. Ich hatte bisher davon gelesen, dass irgendwo zwischen Russland ind China die Fahrwerke ausgetauscht werden. Habe mir gar nicht überlegt, dass das auch auf dem Weg nach Moskau passieren könnte! Wir werden sehen, ob das zwischen Basel und Moskau auch so ist…

  2. Spätestens an der Polnisch-Weißrussischen Grenze wird bei jedem Zug das Fahrwerk auf Breitspur umstellen müssen. Wahrscheinlich wird dies auch in Brest geschehen. Könnt Ihr ja mal in Eurem Fahrplan nachsehen, ob Ihr dort einen längeren Aufenthalt habt. Das zweite Mal steht dann Fahrgestellwechsel in Erlian an der Mongolisch-Chinesischen Grenze an. Dort wird alles wieder auf Normalspur umgebaut.

  3. Cool. Irgendwie freue ich mich auf dieses Spektakel 🙂

  4. Das denke ich mir 🙂 Ist auch eine spannende Sache. Obwohl auch der Grenzübertritt generell spannend ist. Die Grenzsicherungsanlagen zwischen Polen und Weißrussland haben anscheinend nichts an ihrer “Schaurigkeit” seit der Wende verloren…

  5. maria rosenthal meint:

    Hallo
    Wir beide ( mein Mann und ich ) finden ihren Reisebericht super!!! Ihre Erfahrungen und Begeisterung haben uns Inspiriert diese Reise auuch zu machen. Allerdings sind wir uns nich im klarem wann. Wir leben auf der sonneninsel Lanzarote. Also nie sehr kalt. Schrecken aber nicht davor auch mal sehr kalte temperaturen in kauf zu nehmen.Wir (58-und 60 ) haben sogar überlegt unsere sehr rüstige mutter( 80) mitzunehmen. WAs sagen sie dazu. Können sie uns tipps geben?? Wöre schön wenn sie uns antworten würden.
    Maria und Jochen aus Lanzarote

  6. Hallo Maria und Jochen! Willkommen im Andersreisen-Blog! Also die verträglichsten Jahreszeiten von der Temperatur her sind sicherlich der späte Frühling und der Herbst. Im Sommer kann es in Sibirien sehr heiß werden – im Winter entsprechend sehr kalt. Ich denke, dass eine Reise für eine rüstige 80jährige kein Problem sein dürfte. Eine Grundversorgung an Medikamente für die unterschiedlichsten Notfälle sollte ohnedies immer im Reisegepäck sein. Am Besten den Hausarzt fragen – da bekommt man wertvolle Tipps!

    Wenn es spezielle Fragen gibt helfe ich gerne weiter!

  7. Hanna meint:

    Servus,
    leider habe wir nichts gefunden was das Finanzielle der ganzen Reise angeht. Auch würde uns interessieren wie lange vorher man die Züge buchen muss, oder ob das spontan geht und was die so kosten, Wir würden uns über eine Antwort freuen.

  8. Andersreisender meint:

    @Hanna: Willkommen im Anders Reisen Blog! Bezüglich der Kosten habe ich ein paar Infos auf die Übersichtsseite vom Reisebericht Transsibirische Eisenbahn geschrieben. Dort ist auch ein Link zur Seite über das Citystar-Ticket, das wahrscheinlich die günstigste Möglichkeit ist, um durch Russland zu reisen.

    Ich bin derzeit gerade am Kaufen & Reservieren der Bahntickets für meine nächste Transsib-Reise im Juli 2010. Wenn ich alles beisammen habe, werde ich darüber einen Beitrag mit Kosten & Co. schreiben. Die Preise über angebotene Fahrkarten gehen weit auseinander. Grundlegend können Tickets und Reservierungen für die Bettplätze auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz beim Bahnschalter gekauft werden. Wichtig ist, dass man vor allem in der Zeit mit vielen Touristen einige Tage im voraus bucht. Sonst kann es passieren, dass die Karten ausverkauft sind.

    Ich hoffe, ich konnte Euch ein bisschen weiterhelfen. Bei weiteren Detailfragen einfach eine Mail schreiben. 🙂

  9. Andersreisender meint:

    @Hanna: Wie versprochen habe ich mich in einem Beitrag nun ausführlich dem Thema Fahrkarten für die Transsibirische Eisenbahn gewidmet. Das Citystar-Ticket ist ein besonders günstiges Transsibirische Eisenbahn Ticket. Es gilt für Reisen nach Russland aber auch Tschechien, Polen, die Slowakei, Weißrussland und die Ukraine.

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