18: Unendliche Weiten

Mehr als 48 Stun­den bin ich nun im Zug von Ir­kutsk nach Wla­di­wos­tok un­ter­wegs. Seit Ulan-Ude sind es “neue We­ge”, die ich be­fah­re. Dort zweigt die Stre­cke nach Pe­king und in die Mon­go­lei ab, die ich be­reits 2009 u.a. mit dem Mos­kau-Pe­king-Ex­press be­fuhr. Die “klas­si­sche” Stre­cke der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn ver­läuft rund 3.700 Ki­lo­me­ter wei­ter durch kaum be­sie­del­tes Ge­biet durch Ost­si­bi­ri­en nach Wla­di­wos­tok in Fernost.

Das Land­schafts­bild än­dert sich kaum. Häu­fig sind die be­reits be­kann­ten Bir­ken oder an­de­re Laub­bäu­me zu se­hen. Sie wech­seln sich mit Step­pen­land­schaft ab.

Auf­fäl­lig ist, dass nun auch die Zer­sie­de­lung im­mer mehr ab­nimmt. Oft ist ei­ne Stun­de oder län­ger kein ein­zi­ges Haus zu se­hen. Auch Stra­ßen oder Fahr­we­ge zer­schnei­den die Land­schaft nicht mehr. Ein­zig die Trans­si­bi­ri­sche Ei­sen­bahn und ei­ne manch­mal be­glei­ten­de Strom­lei­tung zie­hen sich durch die un­end­li­chen Wei­ten Sibiriens.

Es sind nun wirk­lich schein­bar un­end­li­che Wei­ten, die sich mit ei­ner Ka­me­ra nicht fas­sen las­sen. Bis zum Ho­ri­zont nur Step­pe oder Wald. Kei­ne Men­schen­see­le zu se­hen. Kein Au­to. Nie­mand. Für Eu­ro­pä­er ein sel­te­ner An­blick. Hier wird klar, wie un­fass­bar groß die­ses Land ist. Ich be­fin­de mich im Sü­den, dem re­la­tiv er­schlos­se­nen Be­reich Si­bi­ri­ens. Wie zeigt sich dann erst der Nor­den dem Reisenden?

Mit der Transsib durch Sibirien

Mit der Trans­sib durch Sibirien

Sibirien

Si­bi­ri­en

Per­ma­frost-Bö­den, die nur ober­fläch­lich auf­tau­en, gibt es auch hier im Sü­den Si­bi­ri­ens. Tei­le der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn sind dar­auf ge­baut. Rund um Mo­got­scha, et­wa 6.900 Ki­lo­me­ter von Mos­kau ent­fernt, durch­quert die Trans­si­bi­ri­sche Ei­sen­bahn das kli­ma­tisch ex­trems­te Ge­biet. Im Win­ter fällt das Ther­mo­me­ter hier auf bis -55 Grad.

Gemächliche Geschwindigkeit

Ich ha­be das Ge­fühl, dass sich die Rei­se­ge­schwin­dig­keit ge­gen­über der Stre­cke von Mos­kau bis Ir­kutsk ver­rin­gert hat. Wir sind nicht schnel­ler als 50 bis 80 km/h un­ter­wegs. Trotz­dem wer­den wir mit je­dem Schie­nen­stoß, je­der Wei­che und je­der Ge­schwin­dig­keits­ver­än­de­rung per­sön­lich be­kannt ge­macht. Es rum­pelt und rat­tert im Zug. Bis­her ist mir die­ser Um­stand nicht so ex­trem auf­ge­fal­len. Wer­de ich et­wa empfindlich?

Auch auf den Bahn­hö­fen hat sich das Bild stark ge­än­dert. Die Emp­fangs­ge­bäu­de wer­den ein­fa­cher, auch auf ei­nen “or­dent­li­chen” Bahn­steig müs­sen wir im­mer öf­ter verzichten.

Bahnhof Jerofei Pawlowitsch

Bahn­hof Jer­of­ei Paw­lo­witsch (Ерофе́й Па́влович)

Das Le­bens­mit­tel-An­ge­bot an der Stre­cke wird eben­falls kar­ger. Im­mer sel­te­ner sieht man Ba­busch­kas mit ih­ren Le­cker­bis­sen und oft gibt es nur noch ein oder zwei Ki­os­ke mit Ge­trän­ken und Le­bens­mit­teln am ge­sam­ten Bahnhof.

Babuschkas am Bahnhof

Ba­busch­kas am Bahnhof

Kiosk am Bahnhof

Ki­osk am Bahnhof

Erst vor Cha­ba­rowsk, nach mehr­tä­gi­ger Rei­se, än­dert sich die­ser Zu­stand wie­der. Un­ser Zug wird wie­der merk­lich schnel­ler und die Fahrt ruhiger.

Um 16 Uhr im Speisewagen

Um 16 Uhr sit­zen wir ge­ra­de im Spei­se­wa­gen. Ein Blick aus dem Fens­ter zeigt: Draus­sen än­dert sich nur we­nig. Al­so Zeit ge­nugt, sich auf das Es­sen zu konzentrieren.

Blick aus dem Speisewagen

Blick aus dem Speisewagen

Aktueller Stand um 16 Uhr:

Ort: Trans­si­bi­ri­sche Ei­sen­bahn, et­wa ei­ne hal­be Stun­de nach Bi­ro­bi­d­schan (8.351 Km), Fer­ner Osten

Land: Russland

Wet­ter: wech­sel­haf­tes, herbst­li­ches Wet­ter, ca. 15 bis 20 Grad.

Zeitverschiebung:

Zur Mit­tel­eu­ro­päi­schen Som­mer­zeit in Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz be­trägt der Zeit­un­ter­schied + 9 Stun­den. Steht in Bi­ro­bi­d­schan die Uhr auf 16 Uhr ist es in Mit­tel­eu­ro­pa erst 7 Uhr.

Brücke über den Armur

Kurz vor Cha­ba­rowsk über­que­ren wir den Ar­mur. Die kom­bi­nier­te Au­to- und Ei­sen­bahn­brü­cke ist mit 2.599 Me­ter (mit Auf­fahr­ten 3890,5 Me­ter) ei­ne der längs­ten Brü­cken Russ­lands. Wie al­le wich­ti­gen Brü­cken und Tun­nels in Russ­land wird auch die­se streng be­wacht. Au­ßer­dem führt un­ter dem Ar­mur ein Ei­sen­bahn-Tun­nel hin­durch. Bei Cha­ba­rowsk (8.532 Km) ver­läuft die Trans­si­bi­ri­sche Ei­sen­bahn-Stre­cke nur ei­nen Stein­wurf von der Chi­ne­si­schen Gren­ze entfernt.

Apropos Steinwurf…

In Cha­ba­rowsk herrscht re­ger Fahr­gast­wech­sel im Zug. Es dau­ert auch nach Ab­fahrt des Zu­ges ei­ni­ge Zeit, bis sich je­der in den Ab­tei­len häus­lich ein­rich­tet. Da auch ich neue Rei­se­kol­le­gen be­kom­men ha­be, se­he ich am Gang aus dem Fens­ter, bis sich die La­ge im 4er-Ab­teil et­was beruhigt.

Un­ser Zug hat wie­der vol­le Fahrt auf­ge­nom­men. Als wir ei­ne klei­ne Bahn­sta­ti­on durch­fah­ren se­he ich, dass Kin­der Stei­ne auf die vor­de­ren Wag­gon­fens­ter wer­fen. Ich du­cke mich und Bruch­tei­le ei­ner Se­kun­de spä­ter fliegt ein faust­gro­ßer Stein durchs Fens­ter und wei­ter durch den ge­sam­ten Gang. Noch mal Glück ge­habt! Es grenzt fast an ein Wun­der, dass von den zehn Per­so­nen am Kor­ri­dor nie­mand durch die­sen “Laus­bu­ben­streich” ver­letzt wurde.

Ab in den Süden

Ab Cha­ba­rowsk für die Stre­cke dann nicht mehr Rich­tung Os­ten son­dern Rich­tung Sü­den. Von hier sind es nur noch rund 700 Ki­lo­me­ter bis zum öst­lichs­ten En­de der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn, Wladiwostok.

Die kommende Nacht werde ich hier verbringen:

Die drit­te Nacht im Zug Nr. D 8NJ No­wo­si­birsk – Wla­di­wos­tok am Weg von Ir­kutsk nach Wla­di­wos­tok.

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Kommentare

  1. Si­bi­ri­en. Das war für mich seit mei­ner Kind­heit Sehn­suchts­ge­biet. Raus aus dem öden Schul­all­tag, hin­ein in die Wei­ten der Tun­dra. Wla­di­wos­tok klang so weit weg, dass es ein­fach toll sein muss. Wie der Mond. Oder die Niagarafälle. 

    Wenn man be­denkt, hier herrscht Vä­ter­chen Frost bis zu 9 Mo­na­te mit ei­ser­ner Hand. Es muss toll sein, die­se un­end­li­chen Wei­ten zu sehen…

    Na, Du wirst berichten… 😉

    Vie­le Grüße
    Sven

  2. Claudia meint:

    Ma toll – dan­ke Ger­hard für die schö­nen stim­mungs­vol­len Be­rich­te. Da schwin­gen so­vie­le Bilder/Emotionen mit zwi­schen dei­nen Zei­len. Ei­ne Kar­te wä­re oft gut um dei­nen ak­tu­el­len Stand­ort zu lo­ka­li­sie­ren. Ha­be ge­ra­de Bi­ro­bi­d­schan gesucht …
    LG aus Linz!

  3. Hal­lo Gerry,

    wei­ter­hin ei­ne gu­te Rei­se wün­sche ich dir und wie im­mer tol­le Er­zäh­lung! Macht Lust auf mehr! 😉

    Gruß

    Mat­thi­as

  4. Reinhard+Maria meint:

    Hal­lo lie­ber Ger­hard, dei­ne Be­rich­te le­sen wir ganz, be­geis­tert und freu­en uns, als wä­ren wir selbst unterwegs!!!
    Viel Glück und Spass. Der Ja­pa­ner ist ein net­ter Mensch und Opern­sän­ger oder sowas!!

  5. Andersreisender meint:

    @Sven: Ach ja *seufz* wem sagst Du das. In der Schu­le lernt man da­von – und es ist un­end­lich weit weg. Ge­nau mei­ne Ge­dan­ken! Ab­so­lut toll durch die­se “un­end­li­chen Wei­ten” von Si­bi­ri­en zu fah­ren. Bis Ir­kutsk ken­ne ich den Win­ter – aber wie sieht es hier aus? Es muß wohl schon ein biss­chen un­heim­lich wer­den, wenn stun­den­lang kein Haus zu se­hen ist.

    @Claudia: Ich freue mich von Dir/Euch zu le­sen. Hof­fe, dass es Euch drei gut geht. 🙂 Das mit der Kar­te ist so ei­ne Sa­che: Ich schrei­be ei­ni­ges off­line, da die In­ter­net­zei­ten sehr be­grenzt sind. Kar­ten-Bas­teln braucht viel Zeit. Für Russ­land ha­be ich ei­ne Über­sicht­kar­te ge­stal­tet. Ich fin­de Kar­ten für die Über­sicht auch toll – dar­um ha­be ich mir das The­ma ei­ni­ge Ta­ge durch den Kopf ge­hen las­sen. Und ich glau­be, ich ha­be ei­ne Lö­sung. Ab Ja­pan wirst Du sie – ab dem 14.8. – se­hen. Gib mir Be­scheid, ob man so ei­nen bes­se­ren Über­blick hat!

    @Matthias: Dan­ke­schön – bin schon flei­ßig am Tippseln 🙂

    @Reinhard+Maria: Will­kom­men im Blog – ich freue mich, dass aus der Plain­stra­ße auch so flei­ßig mit­ge­le­sen wird! Gott­sei­dank ist der “Er­satz­nach­bar” nett – in der Tat ist er Opern­sän­ger aus Ja­pan. Ab An­fang März müsst Ihr dann wie­der mit mir Vor­lieb neh­men 😉 Wei­ter­hin viel Spaß mit den Reiseberichten!

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