Transsib (13): Moskau-Peking-Express nach Ulaanbaatar

Sams­tag, 7. Fe­bru­ar 2009

03:50 Uhr – mein We­cker la­eu­tet. Mich interessiert’s ue­ber­haupt nicht auf­zu­ste­hen, aber um 4:30 Uhr war­tet das vor­be­stell­te Ta­xi vor der Haus­tue­re. Ab­schied von Feo­dor und Theodor.

Der Ta­xi­fah­rer fa­ehrt mit mir bei der ers­ten Kreu­zung in die (ver­meint­lich) fal­sche Rich­tung – ich pro­tes­tie­re. Er meint, das pas­se schon so und biegt die naechs­te Stras­se rechts ein. “OK – die Rich­tung stimmt wie­der” den­ke ich. Wir kom­men bei der al­ten Anga­ra-Bru­ecke zur Stras­se Rich­tung Bahn­hof, fu­er mich ist wie­der al­les in Ord­nung. Mit 200 Ru­bel du­erf­te der Fahr­preis auch nicht ue­ber­zo­gen sein.

Der Zug Num­mer 4 “Mos­kau-Pe­king-Ex­press” steht be­reits am Bahn­steig 3 be­reit, Ab­fahrt 5:13 Uhr am Mor­gen. Ich bin schon neu­gie­rig, mit wem ich das Ab­teil tei­len wer­de oder ob ich dies­mal al­lein rei­se. Am Ein­stieg be­gru­esst mich in eng­li­scher Spra­che ein Chi­ne­si­scher Schaff­ner. Er fragt mich auch nach mei­ner Na­tio­na­li­ta­et, mo­ech­te aber kei­nen Rei­se­pass se­hen so wie es in den rus­si­schen Zue­gen ueb­lich ist. Ich bin ue­ber­rascht – ich dach­te die­ses Jahr wu­er­de der Zug von Rus­si­schem Per­so­nal begleitet.

Moskau-Peking-Express

Im Ab­teil Num­mer VII ler­ne ich Ma­scha und ih­re Toch­ter ken­nen. Sie sind auch am Weg nach Ula­an­baa­tar, so­mit wer­den wir die naechs­ten 1.200 km, rund 26 Stun­den, ge­mein­sam ver­brin­gen. Bei­de Da­men sind von Be­ruf Heb­am­me und am Weg zur Schwes­ter bzw. Toch­ter nach Ula­an­baa­tar. Be­ruf­lich er­klae­ren sie mir. Ist al­so Nach­wuchs in Sicht?

Moskau-Peking-Express Abteil

Wir rich­ten es uns schnell ge­mu­et­lich ein, mein Schlaf­platz ist dies­mal oben. Die­ser Platz ist ei­gent­lich ganz prak­tisch – ich ha­be schoe­ne Ab­la­ge­flae­chen und hier mein “ei­ge­nes Reich”. Mein gros­ser Ruck­sack ist un­ter Mascha’s Bett gut verstaut.

Moskau-Peking-Express Abteil

Moskau-Peking-Express - Abteil

Auch die bei­den du­erf­ten ver­gan­ge­ne Nacht nicht ge­nug Schlaf be­kom­men ha­ben. Wir win­ken noch Ir­kutsk und auch dem Mi­kror­ay­on Perov­may­ski, wo wir vor­bei­fah­ren. Da swi­dan­ja Ir­kutsk – Licht aus – und bis zum Bai­kal­see wird ge­schla­fen. Es be­gru­esst uns ei­ne herr­li­che Mor­gen­stim­mung und der tief win­ter­li­che Blick ue­ber den Baikalsee.

Moskau-Peking-Express - Baikalsee

Die bei­den Da­men be­gin­nen ih­re Jau­se – ge­bra­te­ne Hueh­ner­schen­kel und Tee – aus­zu­pa­cken, ich be­schlies­se eben­falls ei­nen Hap­pen zu es­sen. Im Su­per­markt ha­be ich am Vor­tag et­was Ra­ti­on ein­ge­kauft. Ma­scha meint, ich mu­es­se un­be­dingt ih­re selbst­ge­mach­ten Pel­me­ni mit Kar­tof­fel (sie hat sie so ge­nannt, ob­wohl sie we­sent­lich groes­ser und an­ders aus­sa­hen, als je­ne bei Theo­dor) pro­bie­ren. Sie schme­cken sehr gut! Ich re­van­chie­re mich bei der Nach­spei­se – es gibt Salz­bur­ger Mo­zart­ku­geln. Na­tu­er­lich darf auch die ob­li­ga­to­ri­sche, bei­der­sei­ti­ge Fo­to-Fa­mi­li­en-Her­zeig-Ses­si­on nicht feh­len. Ma­scha hat mich gleich ins Herz ge­schlos­sen. Sie sagt sta­en­dig “kras­si­vi” – was so viel wie “schoen” heisst, und strei­chelt mir ue­bers Haar. *rot­werd*

Nun ha­be ich Mus­se und Ge­le­gen­heit un­se­ren Wag­gon ge­nau­er an­zu­se­hen. Al­les ist nicht so lie­be­voll ge­stal­tet, wie im “Ros­si­ja” von Mos­kau nach Wla­di­wos­tok. Kei­ne Vorha­en­ge im Ab­teil, die Bett­waesche be­steht aus zwei Lein­tue­chern (1x zum Drauf­le­gen, 1x zum Zu­de­cken) so­wie aus ei­nem Kopf­pols­ter mit Be­zug und ei­ner di­cken De­cke oh­ne Be­zug. Hand­tusch und Ge­schirr­tuch be­kom­men wir kei­nes. In den Toi­let­ten liegt nur ei­ne lee­re Klo­pa­pier-Rol­le, das war’s. Kein Pa­pier, kei­ne Hand­tue­cher, kei­ne Toi­lett­auf­la­gen, kei­ne Seife.

Auch im Spei­se­wa­gen laeuft al­les we­sent­lich ein­fa­cher ab. Der Kell­ner ist in grau ge­klei­det, ich ha­et­te ihn bei­na­he nicht er­kannt. Die Ge­tra­en­ke wer­den in der 1-Li­ter-Pa­ckung ser­viert, Kirsch- oder Ap­fel­saft. Fu­er die Be­stel­lung des Es­sens ist die Spei­se­kar­te ue­ber­flues­sig, es gibt nur ein Ge­richt. Nun gut – es schmeckt trotz­dem und der Kell­ner ist auch flink und zuvorkommend.

Moskau-Peking-Express - Speisewagen

In Ulan-Ude ha­ben wir un­se­ren letz­ten la­en­ge­ren Auf­ent­halt vor der Gren­ze. Wir be­kom­men Koh­le zu un­se­rem Wag­gon ge­lie­fert und die E-Lok wird durch ei­ne Die­sel­lok ersetzt.

Moskau-Peking-Express Kohlelieferung Ulan-Ude

Kurz nach Ulan-Ude zwei­gen wir von der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn auf die Trans­mon­go­li­sche Stre­cke ab. Wir “um­krei­sen” so ein­mal die Stadt Ulan-Ude. Dann geht es auf ei­ner ein­glei­si­gen Stre­cke Rich­tung Sue­den in die Monglolei.

Mir fal­len hier erst­mals auf mei­ner Rei­se wil­de Mu­ell­de­po­ni­en ent­lang des Bahn­damms auf. Auch fri­scher Mu­ell – vie­le Fla­schen und Kunst­stoff­saecke – lie­gen auf dem Schnee. Aus­ser­dem tra­egt die In­dus­trie in Ulan-Ude mit schwar­zen Rauch­schwa­den ih­ren Teil zur Um­welt­ver­schmut­zung bei.

Die Ge­gend aen­dert sich nach Ulan-Ude schlag­ar­tig. Wir fah­ren durch sehr kar­ge Step­pen­land­schaf­ten – ein ers­ter Vor­ge­schmack auf die Mongolei.

Moskau-Peking-Express - Transmongolische Eisenbahn

Die Sied­lun­gen be­stehen aus klei­nen Holzha­eu­sern, oft sieht man ki­lo­me­ter­weit nur Na­tur. Ge­le­gent­lich gra­sen Kue­he oder Scha­fe al­lein ne­ben dem Bahn­damm. Die Land­schaft strahlt ei­ne Ru­he und Zeit­lo­sig­keit aus.

Ich ha­be Zeit, die Er­leb­nis­se der letz­ten Ta­ge zu ver­ar­bei­ten. Auch den­ke ich ue­ber das Le­ben und die Leu­te in Russ­land nach. Vie­les war an­ders, als man es sich er­war­tet ha­et­te. So ver­schlos­sen und un­per­so­en­lich die Men­schen hier auf der Stras­se wir­ken, so freund­lich und herz­lich sind sie, wenn man sie nae­her ken­nen lernt. Es freut mich sehr, dass ich die­ses Land und ein paar sei­ner Men­schen per­so­en­lich ken­nen ler­nen durfte.

Ge­gen 18:20 Uhr sind wir in Nausch­ki – dem rus­si­schen Grenz­ort zur Mon­go­lei. Laut mei­nem Fahr­plan soll­ten wir hier erst um 22:24 an­kom­men und um 22:40 wie­der ab­fah­ren. Die For­ma­li­tae­ten dau­ern ewig. Es kom­men ein Mann in rot, der den Pass an­sieht und die Re­gis­trie­rung her­aus­nimmt, spae­ter ein Mann in gru­en, der den Pass mit­nimmt. Dann die Zoll­kon­trol­le Teil 1: Im Ab­teil wer­den die Ver­blen­dun­gen ab­ge­nom­men. Dann wer­den die Zoll­de­kla­ra­tio­nen fu­er die Aus­rei­se von ei­ner Zo­ell­ne­rin ge­stem­pelt. Wir hiel­ten sie al­le im Ab­teil fu­er die Zoll­de­kla­ra­ti­on zur Ein­rei­se in die Mon­go­lei. Schein­bar fu­ellt die­se De­kla­ra­ti­on je­der falsch aus, denn sie kor­ri­giert gleich bei je­dem die fal­schen Kreuz­chen. Dann kommt wie­der ei­ne Da­me – Kon­trol­le des Ge­paecks. Nach dem Jau­sen-Sack und mei­nem klei­nen Ruck­sack ist sie an mei­nem Rei­se­ge­paeck nicht wei­ter in­ter­es­siert. Ir­gend­wann be­kom­men wir auch die Pa­es­se wie­der zu­ru­eck. Das gan­ze zieht sich ue­ber knapp drei­ein­halb Stun­den. Dann ver­las­sen wir ei­ne Stun­de frue­her als an­ge­ge­ben den Ban­hof Rich­tung Grenze.

Nach et­wa 20 Mi­nu­ten Fahrt im Schritt-Tem­po er­rei­chen wir ei­nen Zaun und da­nach ei­ne hell be­leuch­te­te Zo­ne. Un­ser Zug wird hier mit­ten im “Nichts” noch­mals von aus­sen kon­trol­liert. Auch un­ter den Wag­gons leuch­tet man al­les ge­nau mit Ta­schen­lam­pen ab. Et­wa ei­ne hal­be Stun­de spae­ter fah­ren wir durch ei­nen wei­te­ren Zaun – wir sind nun in der Mongolei.

In Such­baa­tar, dem mon­go­li­schen Grenz­ort wie­der­holt sich das Pa­pier-Spek­ta­kel. Dies­mal gibt es al­le Pa­pie­re nur in eng­li­scher Spra­che, der Schaff­ner hilft ins Rus­si­sche zu ue­ber­set­zen. Von an­de­ren Rei­sen­den er­fah­re ich spae­ter, dass sie in ih­rem Wa­gen nur mon­go­lisch­spra­chi­ge For­mu­la­re er­hiel­ten. Gott­sei­dank ge­hen die Chi­ne­si­schen Schaff­ner mit den un­ter­schied­li­chen Spra­chen bes­ser um als die Rus­si­schen. Auch ei­ne Imi­gra­ti­on-Card muss aus­ge­fu­ellt wer­den. Nun wu­er­de es lang­sam sinn­voll sein, sei­ne Pass­num­mer aus­wen­dig zu wis­sen. In den letz­ten zwei Mo­na­ten ha­be ich sie be­stimmt 50 Mal ge­schrie­ben. Wie heisst es so schoen: “Von der Wie­ge bis zur Ba­re For­mu­la­re, For­mu­la­re…” Vor al­lem dann, wenn man ei­ne Rei­se tut 😉

Grenzformulare Russland - Mongolei

Nach ins­ge­samt knapp sechs Stun­den sind dann al­le Grenz­for­ma­li­tae­ten er­le­digt – wir ver­las­sen kurz vor 0:20 Uhr den Such­baa­tar und fah­ren durch die Nacht im ge­maech­li­chen Tem­po Rich­tung Ula­an­baa­tar. Auch die Toi­let­ten sind gott­sei­dank wie­der ge­off­net – wa­eh­rend der Grenz­for­ma­li­tae­ten sind sie ge­schlos­sen. Den Da­men in mei­nem Ab­teil hat dies zu lan­ge ge­dau­ert und fan­den mei­ne Idee mit ei­ner lee­ren Fla­sche su­per. Sie frag­ten mich, ob auch ich mit der Fla­sche kurz im Ab­teil al­lein sein mo­ech­te. Nein dan­ke – ich bin ja schon ein gros­ser Jun­ge 😉 Da­fu­er ha­be ich auf mein Gu­te-Nacht-Bier­chen ver­zich­ten mu­es­sen – sonst ha­et­te ich’s be­stimmt nicht ausgehalten…

Wir ma­chen bald die Lich­ter aus, denn um 7:30 Uhr tref­fen wir schon in Ula­an­baa­tar ein. Bei ge­maech­li­chen Tem­po schla­eft es sich am Besten…

Weiterlesen im Live-Reisetagebuch Transsibirische Eisenbahn:

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