11: Fahrt mit der Marschrutka ans Ende der Welt

Kurz nach sechs Uhr in der Früh kom­me ich in Ir­kutsk an. Ein feuch­ter, ne­be­li­ger aber nicht sehr kal­ter Mor­gen be­grüßt mio­ch hier in Si­bi­ri­en. Ich bin über­rascht, dass si­ch der Bahn­hofs­vor­platz ähn­li­ch wie im Win­ter prä­sen­tiert. In der Nacht hat es ge­reg­net und so ver­wan­delt si­ch der Sand zwi­schen den Au­tos und Stra­ßen­bahn­schie­nen zu ei­ner et­was mat­schi­gen Mas­se.

Nach ei­ner kur­zen Fahrt mit der Stra­ßen­bahn Ir­kutsk zum Bus­bahn­hof geht es um acht Uhr wei­ter auf die In­sel Ol­chon im Bai­kal­see. Rund sechs Stun­den dau­ert die Fahrt mit der Marsch­rut­ka, im Bus sind es bis zu acht Stun­den Fahr­zeit. Ist der Klein­bus voll be­setzt, fährt er ab. Das Ge­päck ist un­ge­schützt ge­gen Wind, Staub und Wet­ter aufs Dach ge­schnallt. Ich zie­he zur Si­cher­heit die Re­gen­pla­ne über mei­nen Ruck­sack, denn es könn­te viel­leicht zu reg­nen be­gin­nen.

Mit Hochgeschwindigkeit nach Chuschir

Wir ver­las­sen Ir­kutsk mit ho­her Ge­schwin­dig­keit und durch­fah­ren ei­ne neb­li­ge Mor­gen­land­schaft. Trotz der manch­mal ein­ge­schränk­ten Sicht ist die Wei­te der Land­schaft zu er­ah­nen. Bald reißt die Ne­bel­de­cke auf und uns be­grüßt die Son­ne. Die Land­schaft ver­än­dert si­ch häu­fig. Die Stra­ße führt durch grü­ne Wie­sen, Step­pe und Wald. Die Stre­cke ist gut aus­ge­baut und wir kom­men zü­gig vor­an. Trotz­dem wer­den wir no­ch von an­de­ren Ver­kehrs­teil­neh­mern über­holt. Es herrscht das Ge­setz des stär­ke­ren hier auf den si­bi­ri­schen Stra­ßen.

Et­wa 30 Ki­lo­me­ter vor der Fähr­stel­le in Sachjurta/MRS en­det die Asphalt­stra­ße. Es geht auf ei­ner sehr stei­ni­gen Schot­ter­pis­te wei­ter. Teil­wei­se ver­zweigt si­ch der Fahr­weg und es exis­tier­ten ne­ben der of­fi­zi­el­len Stre­cke zwei oder no­ch mehr Par­al­lel­spu­ren. Trotz des wirk­li­ch schlech­ten Zu­stands der Fahr­bahn dros­seln die Fah­rer ih­re Ge­schwin­dig­keit nicht. Es herrscht ein Wett­ren­nen zwi­schen Marsch­rut­kas, pri­va­ten PKWs und gro­ßen, neu­en Ge­län­de­wä­gen.

Marschrutka Richtung Chuschir

Pannen Richtung Baikalsee

Durch die vie­len Quer­ril­len fühlt si­ch die Fahrt an, als wür­de man auf ei­ner Waschrum­pel da­hin­fah­ren. Im­mer wie­der sieht man an­de­re Fahr­zeu­ge am Stra­ßen­rand ste­hen. Mal ist der Küh­ler über­hitzt, mal muß ein Rad ge­wech­selt wer­den. Ich ha­be Sor­ge um mei­nen Lap­top und neh­me ihn auf den Schoß. Be­stimmt tut die­se “Waschrum­pel” der Tech­nik nicht ge­ra­de gut.

Ge­dacht – ge­sche­hen: Wir ste­hen mit ei­ner Rei­fen­pan­ne am Stra­ßen­rand oder bes­ser ge­sagt in ei­ner der vie­len Par­al­lel­spu­ren. Wir Fahr­gäs­te stei­gen aus, es herrscht ent­spann­te Stim­mung. Ich bin der ein­zi­ge Aus­län­der in der Marsch­rut­ka, al­le an­de­ren Rei­sen­den sind Rus­sen. Sie fah­ren – ge­nauso wie ich – zum Ur­laub auf die In­sel Ol­chon.

Marschrutka-Panne - Irkutsk

Wäh­rend der Fah­rer den Er­satz­rei­fen mon­tiert un­ter­hal­ten si­ch die an­de­ren Fahr­gäs­te. Zwei Kin­der las­sen ih­re Dra­chen stei­gen. Ih­re Vä­ter sind mit Feu­er­ei­fer mit da­bei. Wer wird den Dra­chen am höchs­ten stei­gen las­sen? Zwi­schen uns und dem Ha­va­rie­fahr­zeug ra­sen wei­ter­hin die an­de­ren Fahr­zeu­ge durch. Dem Fah­rer hilft beim Rei­fen­wech­sel nie­mand aber da­für se­hen ihm ei­ni­ge Fahr­gäs­te in­ter­es­siert zu.

Drachen steigen lassen in Sibirien

Mit der Fähre auf Olchon

Nach et­wa 30 Mi­nu­ten ist der Scha­den be­ho­ben und die Fahrt geht wei­ter. Ich bin froh, als wir bei der Fäh­re zur In­sel Ol­chon an­kom­men. Nun sind es nur no­ch rund 25 Ki­lo­me­ter bis Chu­schir, dem Haupt­ort auf der In­sel. Bus­se und Marsch­rut­ki wer­den ge­gen­über den an­de­ren Pri­vat­fahr­zeu­gen be­vor­zugt auf die Fäh­re ge­las­sen. Die Fäh­re ist üb­ri­gens für Pas­sa­gie­re und Fahr­zeu­ge kos­ten­los. So kön­nen wir re­la­tiv schnell über­set­zen und un­se­re Fahrt auf den letz­ten Schot­ter­pis­ten-Ki­lo­me­tern fort­set­zen.

Fähre auf Olchon

Ge­gen 14:30 Uhr tref­fe ich auf der Haupt­stra­ße in Chu­schir ein. Nun muß ich nur no­ch die Uliza Le­ni­na, al­so die Le­n­in-Stra­ße, ent­lang zu mei­nem Quar­tier ge­hen. Als ich in die Stra­ße ein­bie­ge hö­re ich ei­nen Schuß wie aus ei­nem Luft­druck­ge­wehr. Drei al­te Män­ner sit­zen an ei­nem ge­schütz­ten Platz an der Haus­mau­er ne­ben der Fahr­bahn. Ei­ner hat ein Ge­wehr in der Hand und zielt quer über die Stra­ße auf ei­ne Ge­trän­ke­do­se. No­ch ein Schuß – lei­der nicht ge­trof­fen.

Ich ma­che mi­ch mit ei­nem lau­ten “do­bry dien” be­merk­bar. Die Her­ren se­hen mi­ch und las­sen mi­ch pas­sie­ren. We­ni­ge Me­ter hin­ter mir “za­ck” der nächs­te Schuß. Dies­mal dürf­te er das Me­tall ge­trof­fen ha­ben.

Am Hauptplatz von Chuschir

In mei­nem Orts­plan im Rei­se­füh­rer ist ein zen­tra­ler Platz ein­ge­zeich­net, den ich über­que­ren muß, um zu mei­nem Quar­tier zu ge­lan­gen. Dass Kar­ten mit der Rea­li­tät oft nicht viel ge­mein­sam ha­ben, weiß ich mitt­ler­wei­le schon aus Er­fah­rung. Denn der “Haupt­platz” ent­puppt si­ch als Platz mit ei­nem ver­müll­ten Tüm­pel, rund um den die Kü­he gra­sen.

"Hauptplatz" von Chuschir auf der Insel Olchon

Der Bli­ck in die Welt um 16 Uhr ist dies­mal sehr schwarz. Das liegt ein­fach dar­an, dass ich um die­se Zeit ge­ra­de ein Ni­cker­chen ma­che und mi­ch von den an­stren­gen­den Bahn­fahr­ten und der Fart nach Ol­chon et­was er­ho­le. Den We­cker ha­be ich zu stel­len ver­ges­sen.

Aktueller Stand um 16 Uhr:

Ort: Chu­schir auf der In­sel Ol­chon im Bai­kal­see

Land: Russ­land

Wet­ter: son­nig und warm, ca. 25 Grad.

Zeitverschiebung:

Zur Mit­tel­eu­ro­päi­schen Som­mer­zeit in Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz be­trägt der Zeit­un­ter­schied + 7 Stun­den. Steht in Chu­schir die Uhr auf 16 Uhr ist es in Mit­tel­eu­ro­pa er­st 9 Uhr.

Die kommende Nacht werde ich hier verbringen:

In ei­nem klei­nen 1-Mann-Holz­haus in der Le­n­in-Stra­ße in Chu­schir

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Kommentare

  1. Su­per Be­rich­te Ge­ry! Dei­ne Rei­se ist echt ein Aben­teu­er. Und dei­ne Ka­me­ra macht si­ch be­zahlt, wie ich se­he – wun­der­schö­ne Bil­der. ;o)))

  2. Hi aus Salz­burg , mit ganz herz­li­chen Grü­ßen vom cs Stamm­tisch!!
    To­tal vie­le cs auf der Durch­rei­se mo­men­tan, wir wer­den über­schwemmt von An­fra­gen!
    Pla­nung läuft auf Hoch­tou­ren für das gro­ße cs Tref­fen An­fang Sep­tem­ber.
    Coo­ler Be­richt, den du uns da über­mit­tel­st – schürt Fern­weh !
    Al­les Gu­te
    i.V.cs
    Su­san­ne

  3. Hal­lo Ger­ry,

    kei­nen Kopf mit dem Bild! Und glau­be mir die ge­tank­te Kraft wirst du be­stimmt no­ch brau­chen!

    Hoch­ach­tungs­voll

    mat­thi­as

  4. Wo gibt es das denn no­ch, ei­ne Rei­fen­pan­ne und Va­ter schreit nicht völ­lig über­nervt den Sohn an, wäh­rend man auf den ADAC war­tet? Hossa, da wä­re ich jetzt auch gern. Mit oder oh­ne Dra­chen. 😉

    Grü­ße
    Sven

  5. Andersreisender meint:

    @Sonja: Dan­ke­schön! Ich fin­de auch, dass si­ch die Schlep­pe­rei aus­zahlt 🙂

    @Susanne: Hal­lo – will­kom­men im Blog! Ich freue mi­ch, dass Du mei­ne Rei­se­be­rich­te ver­folgst. Ich wä­re so ger­ne no­ch vor mei­ner Ab­rei­se beim Stamm­tisch vor­bei­ge­kom­men – ha­be es aber zeit­li­ch nicht mehr ge­schafft. Aber auf­ge­scho­ben ist ja nicht auf­ge­ho­ben. Freue mi­ch schon auf ein Wie­der­se­hen im März! Al­les Gu­te und lie­be Grü­ße an al­le an­de­ren!

    @Matthias: Ach ja die Kräfte…man möch­te es nicht glau­ben, aber ei­ne Rei­se kann im Hoch­som­mer auch durch­aus an­stren­gend sein.

    @Sven: Tja…also ob es in Russ­land ei­nen ADAC gibt weiß ich nicht. Der hät­te auf die­ser Stre­cke je­den­falls viel zu tun. Aber ich fin­de es auch toll, dass es al­le ent­spannt neh­men. Was soll’s – sind ja Fe­ri­en. 😉

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