3: Unruhige Nacht im Schlafwagen an der Grenze Slowakei-Ukraine

Es be­ginnt wun­der­bar: Ich ha­bee ab Ži­li­na in der Slo­wa­kei ein Schlaf­wa­gen-Ab­teil für mich al­lein. Dass ich et­was skep­tisch war, ob das so bleibt, ha­be ich be­reits ges­tern ge­schrie­ben. In Košice ist es dann so­weit: Ich be­kam zwei wei­te­re Ab­teils­kol­le­gen. Die Nacht von Frei­tag auf Sams­tag ist ein ei­ge­nes Ka­pi­tel für sich wert.

Schwergewichtige Probleme

Ein Tsche­che und sei­ne Be­glei­te­rin – sie ist aus der Ukrai­ne – ste­hen mit rie­si­gen Trol­leys vor mei­ner Ab­teil­tür. Schwit­zend und schnau­fend ste­hen sie da und be­gut­ach­ten das klei­ne Drei­bett-Ab­teil und ih­re Kof­fer. Wie sol­len die hier rein pas­sen und ver­staut werden?

Aber es gibt noch ein wei­te­res – we­sent­lich ge­wich­ti­ge­res – Pro­blem: Der Mann hat­te be­reits auf Grund sei­nes Bauch­um­fangs Pro­ble­me beim Pas­sie­ren des Gangs. Ei­nen Zen­ti­me­ter “mehr” rund­um und er wä­re nicht mehr bei der Zug­tü­re rein ge­kom­men. Hilf­los ste­hen sie da und ges­ti­ku­lie­ren auf­ge­regt vor der Pro­vod­niza. Die­se läßt die bei­den schnau­fen­den und schweiß­über­ström­ten Ge­stal­ten aber ein­fach mit ei­nem Ach­sel­zu­cken ste­hen und ver­schwin­det in ih­rem Dienst­ab­teil. Ist ja nicht ihr Problem.

Rein müssen sie ja trotzdem irgendwie

Hilf­los ste­hen sie da, er kann sich kaum be­we­gen und sie ist zu schwach um die schwe­ren Kof­fer zu ver­räu­men. So be­gin­ne ich un­ser Ab­teil wie bei “Te­tris” neu zu or­ga­ni­sie­ren und zu schlich­ten, da­mit wir al­le Platz ha­ben. Fünf Mi­nu­ten spä­ter ist al­les ver­räumt und ich bin mit mei­nen Sie­ben­sa­chen vom un­te­ren in das mitt­le­re Bett um­ge­zo­gen. Ich woll­te dem Herrn das un­te­re Bett über­las­sen, da­mit er ei­ne Mög­lich­keit zu schla­fen hat. An Klet­ter­übun­gen ist bei ihm nicht zu denken.

Das obers­te Bett – das von ih­nen auch ge­bucht ist – über­las­se ich ih­nen trotz­dem. Auch mei­ne Sport­lich­keit hat Gren­zen. Kei­ne Ah­nung, wo die Lei­ter ver­steckt ist. Die bei­den kön­nen sich aber be­stimmt bes­ser mit der Pro­vod­niza ver­stän­di­gen und die­ses Pro­blem lö­sen als ich.

Letz­ten En­des über­lässt er das Bett sei­ner Rei­se­be­glei­te­rin und setz­te sich auf den ge­pols­ter­ten Sitz, der eben­falls im Ab­teil ist. Das Schnau­fen ver­stummt wäh­rend der ge­sam­ten Fahrt nicht. Es be­rei­tet mir ernst­haft Stress da­bei zuzuhören.

Heiße Nächte an der Grenze

An Schla­fen ist die nächs­ten Stun­den oh­ne­dies nicht zu den­ken. Ab Košice ist un­ser Schlaf­wa­gen an ei­nen Re­gio­nal­zug an­ge­hängt, der bei je­der “Milch­kan­ne” ste­hen bleibt. Je nä­her wir zur Gren­ze kom­men um­so schlech­ter wer­den die Glei­se. Um 22:27 Uhr er­rei­chen wir den Slo­wa­ki­schen Grenz­ort Ci­er­na nad Tisou. Dort wird un­ser Zug mit viel Krach zum zwei­ten Mal neu zu­sam­men­ge­stellt. Nur noch als kur­zer Zug mit drei Wag­gons fah­ren wir Rich­tung Slo­wa­kisch-Ukrai­ni­sche Grenze.

Ei­sen­bahn-Grenz­über­gän­ge Rich­tung ehe­ma­li­gen Ost­block ha­ben für mich im­mer et­was Gru­se­li­ges an sich. Ki­lo­me­ter­lan­ge Sta­chel­draht-Zäu­ne und Lich­ter, die den ge­sam­ten Zug ab­leuch­ten. Wäh­rend auf der Slo­wa­ki­schen Sei­te ein neu­er Be­reich zur Grenz­ab­fer­ti­gung er­rich­tet wur­de, zeigt sich die Ukrai­ne wie vor der Wen­de. Ein kur­zer baum­lo­ser Be­reich zwi­schen zwei Zäu­nen ist zu er­ken­nen, dann ein aus Me­tall ge­bil­de­ter Ky­ril­li­scher Schrift­zug “Ukrai­na”.

Dobry dien Ukraina

Ein Meer an run­den, Mü­cken um­schwärm­ten Schein­wer­fern mit küh­lem, wei­ßen Licht emp­fan­gen uns. Der Zug rollt mit et­was mehr als Schritt­ge­schwin­dig­keit auf den Bahn­hof Chop zu und zieht lan­ge Schat­ten. End­lo­se Mi­nu­ten, dann wird es über­ra­schend dun­kel und der Zug nimmt auf den letz­ten Me­tern Fahrt auf. Die ei­gent­li­che Grenz­kon­trol­le auf ukrai­ni­scher Sei­te be­ginnt erst am Bahn­hof Chop. Ei­ne auf­fäl­lig hüb­sche Grenz­be­am­tin sam­melt die Päs­se ein – wir wer­den sie erst vier Stun­den spä­ter wie­der bekommen.

Ein Zoll­be­am­ter wür­digt mich kei­nes Bli­ckes, da­für ist er aber am Rei­se­ge­päck mei­ner bei­den Rei­se­ge­fähr­ten in­ter­es­siert. Er will wis­sen, was in ei­nem der schwe­ren Kof­fer in der obe­ren Ab­la­ge ist. Ein hilf­lo­ser Blick der Frau – ich weiß Be­scheid. Wir hie­ven den Kof­fer her­un­ter, doch der Zöll­ner ist be­reits wei­ter­ge­gan­gen. Ob­wohl ich weiß, dass er nicht mehr zu­rück kommt, bit­tet mich die Frau, ihn nicht zu­rück zu stel­len. Zwei Stun­den spä­ter ist sie dann doch froh, end­lich das Bett be­nüt­zen zu können.

Fahrgestell-Wechsel

We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter wird un­ser Wag­gon zum “Rä­der­wech­sel” bug­siert. Die Fahr­ge­stel­le wer­den von Nor­mal­spur auf die Rus­si­sche Breit­spur aus­ge­tauscht. Wäh­rend die­se Pro­ze­dur in Brest an der Gren­ze zwi­schen Po­len und Weiß­russ­land in ei­ner Hal­le er­folgt, er­le­di­gen die Ar­bei­ter den Fahr­ge­stell-Wech­sel in Chop Tag und Nacht im Frei­en. Un­se­re bei­den ver­blei­ben­den Wag­gons wer­den schnell be­ar­bei­tet, dann ver­schwin­den die Ar­bei­ter und wir ste­hen bis früh am Mor­gen au­ßer­halb des Bahnhofs.

Fahrgestell-Wechesl am Grenzbahnhof Chop - Ukraine

Fahr­ge­stell-We­chesl am Grenz­bahn­hof Chop - Ukraine

Zum Mor­gen­grau­en ver­las­sen wir mit ei­ner Rei­he an­de­rer Wag­gons, u.a. aus Bu­da­pest, als Zug D16SH den Grenz­bahn­hof. Ei­ne hal­be Stun­de spä­ter, um 5:23 Uhr, stei­gen auch mei­ne ge­wich­ti­gen Rei­se­ge­fähr­ten im Bahn­hof Mu­kat­sche­wo aus. Ich bin über­rascht, dass sie für die­se re­la­tiv kur­ze Stre­cke ei­nen Schlaf­wa­gen nutz­ten. Mit ei­ner Ta­ges­ver­bin­dung mit Um­stei­gen und oh­ne Fahr­ge­stell-Wech­sel hät­ten sie die Stre­cke Košice – Mu­kat­sche­wo ver­mut­lich in rund vier Stun­den und nicht wie wir in neun Stun­den geschafft.

Allein und doch nicht allein

Ich rich­te mich ge­ra­de wie­der ge­müt­lich in mei­nem un­te­ren Bett ein, da klopft es an der Tür. Es ist der Schaff­ner in Zi­vil (sie­he gest­ri­ger Ein­trag), der mir er­klärt, dass er nun im obe­ren Bett schla­fen möch­te. Mir soll’s Recht sein, haupt­sa­che es kehrt end­lich Ru­he ein. Schnell wird das 3-Bett-Ab­teil auf ein 2-Bett-Ab­teil umgebaut.

Ich bin al­ler­dings über­rascht, als dann die Schlaf­wa­gen­schaff­ne­rin an Stel­le ih­res männ­li­chen Kol­le­gen er­scheint. Mit ver­schla­fe­nem Blick schwingt sie sich im Nacht­hemd ins obe­re Bett – dann ist end­lich Ru­he nach ei­ner lan­gen Nacht. Trotz merk­lich schlech­te­rer Stre­cke wird ein paar Stun­den geschlafen.

Fenster schauen

Kurz vor Lem­berg (auch Lv’iv, Lwow, Lwiv) ver­lässt sie mein Ab­teil. Den rest­li­chen Tag ha­be ich wie­der mein ei­ge­nes Reich. Fens­ter schau­en, Ta­ge­buch schrei­ben, le­sen, jaus­nen und schla­fen be­stim­men mei­nen Zug-All­tag. Bei­na­he hät­te ich das drit­te 16-Uhr-Blick-in-die-Welt-Fo­to ver­säumt, der We­cker hat mich aber gott­sei­dank recht­zei­tig ge­weckt. Heu­te ist ein Teil mei­nes Schlaf­wa­gen-Ab­teils zu se­hen – eben der ers­te Blick nach dem Wecken.

Schlafwagen Richtung Moskau

Schlaf­wa­gen Rich­tung Moskau

Aktueller Stand um 16 Uhr:

Ort: Ziem­lich ge­nau auf hal­ben Weg zwi­schen Chmel­niz­kij und Vinnica.

Land: Ukraine

Wet­ter: son­nig und heiß, wolkenlos

Zeitverschiebung:

Zur Mit­tel­eu­ro­päi­schen Som­mer­zeit in Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz be­trägt der Zeit­un­ter­schied + 1 Stun­de. Steht in der Ukrai­ne die Uhr auf 16 Uhr ist es in Mit­tel­eu­ro­pa erst 15 Uhr.

Bald in Moskau

Ich ver­mu­te, dass ich auch wei­ter­hin mein Ab­teil für mich al­lein ha­ben wer­de. In der Nacht wer­de ich die Gren­ze zu Russ­land über­que­ren und um 9:56 Uhr Orts­zeit dann Mos­kau erreichen.

Die kommende Nacht werde ich hier verbringen:

Im Schlaf­wa­gen Ži­li­na – Mos­kau Kievskaja.

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Kommentare

  1. Sehr schön ge­schrie­be­ner Ar­ti­kel. Das macht Lust auf ei­ne Fahrt 😀

  2. Mos­kau! Oh Mann, wie im­pulsant! Und freust du dich, die ers­te gro­ße Sta­ti­on auf dei­ner Rei­se, oder?

    Gruß

    Mat­thi­as

  3. Andersreisender meint:

    @Erdal: Will­kom­men an Bord beim vir­tu­el­len Mitreisen 🙂

    @Mattias: Jaaa…die ers­te gro­ße Sta­ti­on, Mos­kau, war wie­der mal toll!

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