Ein Tag im Tren Crucero: Von Riobamba nach Latacunga (1)

Ich hö­re sie schon von wei­tem pfei­fen und schnau­fen, die Dampf­lok. Sie zieht den Tren Cru­ce­ro in den Bahn­hof Riobamba.

Die Hälf­te der vier­tä­gi­gen Bahn­rei­se durch die An­den in Ecua­dor ha­ben die Pas­sa­gie­re schon hin­ter sich. Von Durán in der Nä­he der Küs­ten­stadt Gua­y­aquil führ­te die Rei­se bis in die Haupt­stadt Qui­to in 2.850 Me­tern Höhe.

Zu­erst fährt der Zug durch frucht­ba­re Land­schaf­ten, bald schon sind die An­den er­reicht und die Rei­se folgt dem Schie­nen­strang rund um die „Na­riz del Dia­blo“, die Teufelsnase.

Bild: Dampflok zieht den Tren Crucero

Ei­ne öl­be­trie­be­ne Dampflokomotive…

Doch es bleibt spek­ta­ku­lär, der höchs­te Punkt die­ser Schie­nen­kreuz­fahrt wird erst am drit­ten Tag erreicht.

Bild: Dampflok im Bahnhof von Riobamba

…zieht den Tren Cru­ce­ro am 2. Rei­se­tag nach Riobamba.

Um kurz nach 7 Uhr steht der rot-schwarz la­ckier­te Zug am Bahn­hof in Riobam­ba be­reit. Am drit­ten Rei­se­tag zieht wie­der ei­ne Die­sel­lok die vier Wag­gons des Tren Cru­ce­ro durch die Anden.

Bild: Tren Crucero am Bahnhof Riobamba

Am frü­hen Mor­gen star­tet die Rei­se in Riobamba…

In der Es­ta­ción Riobam­ba steht am Mor­gen nur der Son­der­zug, der re­gu­lä­re Ei­sen­bahn­be­trieb spielt in Ecua­dor heu­te kaum noch ei­ne Rolle.

Der Bahn­be­trieb ist auf den Tou­ris­mus aus­ge­legt und das „Ste­cken­pferd“ ist der Tren Cru­ce­ro, der auf der ehe­ma­li­gen Haupt­stre­cke das Land durchquert.

Bild: Tren Crucero am Bahnhof Riobamba

…nach Ur­bi­na am Fu­ße des Chimborazo.

Vor dem Bahn­hof in Riobam­ba be­we­gen sich Tän­zer rhyth­misch zu lau­ter Mu­sik. Ich über­le­ge kurz, ob ich hier auf ei­ne sport­li­che Bahn­rei­se­grup­pe tref­fe, die den Mor­gen­sport am Bahn­hofs­vor­platz absolviert.

Aber nein, die Ae­ro­bic-Tän­zer hat nichts mit dem Tren Cru­ce­ro zu tun. Hier kann je­der mit­ma­chen, ich wer­de gleich zum Mor­gen­sport ein­ge­la­den. Lei­der ha­be ich für Ae­ro­bic kei­ne Zeit, mein Zug fährt gleich ab.

Bild: Aerobic am Bahnhof Riobamba

Mor­gen­sport am Bahn­hof, je­der kann mitmachen.

Auf der an­de­ren Sei­te des Plat­zes zeigt sich das Bild ru­hi­ger. In der Mor­gen­son­ne strahlt der ab­fahrt­be­rei­te Zug mit der wei­ßen Kir­che um die Wet­te. Das ge­rad­li­ni­ge Ka­ro­mus­ter am recht­ecki­gen Platz wird nur von den Glei­sen der Ei­sen­bahn durch­schnit­ten, der Tren Cru­ce­ro steht pro­mi­nent quer über die Felder.

Bild: Begrüßung im Tren Crucero

Die Pas­sa­gie­re wer­den beim Ein­stei­gen begrüßt…

Beim Ein­stei­gen be­grüßt mich die Crew mit ei­ner klei­nen Auf­merk­sam­keit, im Zug be­kom­me ich dann ein zwei­tes Früh­stück. In der Bar wird Kaf­fee in der Es­pres­so­ma­schi­ne zu­be­rei­tet, klei­ne Snacks und Obst kann man sich dort den gan­zen Tag holen.

Bild: Obst im Tren Crucero

…und Snacks sind den gan­zen Tag in der Bar erhältlich.

Mit mir rei­sen 29 an­de­re Pas­sa­gie­re hin­auf zum höchs­ten Punkt der Bahn­stre­cke. Er liegt auf knapp über 3.600 Me­tern in Ur­bi­na. Es gibt nur we­ni­ge Zü­ge welt­weit, die in sol­chen Hö­hen un­ter­wegs sind.

Bild: Tren Crucero am Weg zum Chimborazo

Dann fährt der Tren Cru­ce­ro ins Gebirge.

Lang­sam setzt sich der Zug in Be­we­gung, der Zu­cker rie­selt aus dem Säck­chen in mei­nen Cap­puc­ci­no. Mir fal­len so­fort die vie­len win­ken­den Men­schen ent­lang der Stre­cke auf. Zü­ge sind hier in Ecua­dor schein­bar et­was ganz be­son­de­res. Der Tren Cru­ce­ro bringt auf den Bahn­über­gän­gen den Ver­kehr für kur­ze Zeit zum er­lie­gen, lang­sam fällt der Milch­schaum beim Rüh­ren in mei­nem Cap­puc­ci­no zusammen.

Bild: Landschaft in Ecuador

Die Land­schaft ver­än­dert sich ständig…

Ich ge­nie­ße den Aus­blick von mei­nem Sitz­platz im Wag­gon im Spa­ni­schen Ko­lo­ni­al­stil auf die ho­hen, manch­mal schnee­be­deck­ten Vul­ka­ne. Riobam­ba liegt auf 2.750 Me­ter See­hö­he, bis zum nächs­ten Stopp am Fu­ße des Chim­bora­zo müs­sen noch 850 Hö­hen­me­ter über­wun­den werden.

Bild: Chimborazo vom Zug aus in Ecuador

…am Weg zum Chim­bora­zo, dem höchs­ten Berg Ecuadors.

Im Zug sind sol­che Auf­stie­ge mü­he­los zu be­wäl­ti­gen, in ge­müt­li­chem Tem­po win­det sich der Zug im­mer wei­ter in die Hö­he. Ich trin­ke den ers­ten Schluck Kaf­fee und wi­sche den Milch­schaum von den Lippen.

Bild: Mitarbeiter am Tren Crucero

Fünf Mit­ar­bei­ter küm­mern sich um den tech­ni­schen Be­trieb im Tren Crucero.

Die Ei­sen­bahn­stre­cke von Gua­y­aquil nach Qui­to wur­de zwi­schen 1873 und 1908 in Kap­spur (1.067 mm Spur­wei­te) er­baut. Durch die schma­le Spur kön­nen die Schie­nen in en­ge­ren Kur­ven­ra­di­en als bei Nor­mal­spur ver­legt wer­den, im Ge­bir­ge ist das ein Vorteil.

An­ders als bei der Teu­fels­na­se führt die Stre­cke nach Ur­bi­na nun nicht ent­lang von stei­len Ab­hän­gen, denn das Ge­län­de steigt gleich­mä­ßig an.

Bild: Waggon im Tren Crucero

Im Zug ist viel Platz um die Fahrt durch die “Stra­ße der Vul­ka­ne” zu genießen.

Man­che Rei­sen­de wer­den mit zu­neh­men­der Hö­he et­was mü­de oder un­kon­zen­triert. Das sind noch un­ge­fähr­li­che An­zei­chen der Hö­hen­krank­heit. Der Kör­per ge­wöhnt sich lang­sam an den nied­ri­ge­ren Luft­druck. Weiß strahlt der Schnee am Chim­bora­zo im Morgenlicht.

Bild: Tren Crucero von Tren Ecuador vor dem Chimborazo

Dann kommt der Tren Cru­ce­ro am Fu­ße des Chim­bora­zo an.

Mit rund 6.300 Me­tern ist er der höchs­te Berg Ecua­dors. Der Gip­fel des Chim­bora­zo ist, we­gen sei­ner Nä­he zum Äqua­tor, je­ner Punkt der Erd­ober­flä­che, der am wei­tes­ten vom Erd­mit­tel­punkt ent­fernt ist. Wür­de man den Erd­mit­tel­punkt als Be­zugs­punkt neh­men, so wä­re der Chim­bora­zo stol­ze zwei Ki­lo­me­ter hö­her als der Mount Everest.

Bild: Lama vor dem Tren Crucero

Neu­gie­ri­ger Bewohner?

Ei­ner, der den schnee­be­deck­ten Vul­kan wie sei­ne Wes­ten­ta­sche kennt ist Bal­ta­zar Ush­ca. Wäh­rend an­de­re schon längst im Schau­kel­stuhl die Ru­he ge­nie­ßen, er­klimmt der 70jährige nach wie vor den Chimborazo.

Sein Ge­sicht ist von Wind, Schnee und der star­ken Son­ne ge­zeich­net. Tie­fe Fal­ten ver­lau­fen über das brau­ne Gesicht.

Auf stei­len We­gen klet­tert er bis auf 4.800 Me­ter hin­auf. Dort schnei­det er 20 bis 25 Ki­lo schwe­re Blö­cke di­rekt aus dem Eis. Er ist der letz­te Eis­händ­ler Ecua­dors, ein aus­ster­ben­des Gewerbe.

Bild: Baltazar und Puruha Ushca vor dem Chimborazo

Bal­ta­zar und Pu­ru­ha Ush­ca brin­gen rie­si­ge Eis­blö­cke vom Chim­bora­zo zum Markt nach Riobamba.

Auch heu­te, wo Eis­schrän­ke über­all für die nö­ti­ge Küh­lung sor­gen, sind Bal­ta­zars Eis­blö­cke we­gen ih­rer Rein­heit be­gehrt. Das Eis vom Chim­bora­zo hat Trink­was­ser­qua­li­tät und kann für Shakes oder Spei­sen ver­wen­det wer­den. Bei je­der Be­stei­gung tra­gen drei Esel ins­ge­samt sechs Eis­blö­cke vom Vul­kan her­un­ter. Am Markt von Riobam­ba ver­kauft der Eis­händ­ler die Blö­cke für je­weils 5 US-$.

Bild: Tren Crucero (Tren Ecuador) am Bahnhof Urbina

Der Zug steht auf 3.600 Me­tern im Bahn­hof Ur­bi­na ab­fahrt­be­reit. Von hier geht’s wie­der bergab.

Bal­ta­zar Ush­ca ist be­rühmt. Meh­re­re Fil­me wur­den über ihn und sei­ne schwe­re Ar­beit ge­dreht. Und Rei­sen­de mit dem Tren Cru­ce­ro kön­nen mit ihm und sei­ner Toch­ter Pu­ru­ha im Bahn­hof Ur­bi­na ei­ne Tas­se Tee trinken.

Dann geht es wie­der lang­sam berg­ab, der höchs­te Punkt der Schie­nen­kreuz­fahrt durch Ecua­dor ist über­schrit­ten. Im zwei­ten Teil er­fährst Du wie die Ei­sen­bahn­rei­se mit dem Tren Cru­ce­ro durch die An­den weitergeht.

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Dan­ke an Tren Ecua­dor für die Mög­lich­keit, die Bahn­rei­se mit dem Tren Cru­ce­ro zu tes­ten. Mei­ne Mei­nung bleibt da­von – wie im­mer – unberührt.

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