Tod per Salami-Taktik: Zugfahren zwischen Salzburg und Graz

Ich bin wie­der mal im Zug un­ter­wegs. Kind­berg – Bruck an der Mur – Leo­ben – Salz­burg. Ei­gent­lich mag ich kei­ne Bei­trä­ge über die ÖBB wo viel ge­jam­mert wird. Aber manch­mal wird man wirk­lich da­zu ge­zwun­gen. Aus­nah­men be­stä­ti­gen die Re­gel – heu­te gibt’s ei­nen Er­fah­rungs­be­richt aus dem Zug von mei­ner „Hei­mat-Stre­cke“ zwi­schen Salz­burg und Graz.

Vor we­ni­gen Ta­gen er­zähl­te ich in mei­nem Er­fah­rungs­be­richt aus der WEST­bahn über die neue Pri­vat­bahn. Aus Zü­gen zwi­schen mei­ner Hei­mat­stadt Kind­berg in der Stei­er­mark und Salz­burg kann ich bald nichts mehr be­rich­ten. Seit 14 Jah­ren fah­re  ich auf der Stre­cke Salz­burg – Graz und bie­ge dann noch 18 Ki­lo­me­ter auf die Süd­bahn Rich­tung Wien ab.

Altes Wagenmaterial

Frü­her war die Fahrt im bes­ten Fall mit ein­mal um­stei­gen in Bruck an der Mur mög­lich. Spä­ter kam zu­sätz­lich noch Leo­ben da­zu. Zwi­schen­zeit­lich wur­de Wa­gen­ma­te­ri­al auf der In­ter­ci­ty-Stre­cke von Salz­burg nach Graz ein­ge­setzt, das an aus­ran­gier­te In­ter­re­gio-Wä­gen aus Deutsch­land er­in­ner­te.

Mit dem Ar­gu­ment, dass die Stre­cke nur von we­ni­gen Fahr­gäs­ten ge­nützt wer­de, soll­te mit dem Fahr­plan­wech­sel im De­zem­ber 2011 ein Groß­teil der Di­rekt­ver­bin­dun­gen ge­stri­chen wer­den. Das wur­de in letz­ter Mi­nu­te ab­ge­wen­det.

D-Zug zwischen Graz und Salzburg

Doch nun wünscht man sich die grau la­ckier­ten und oh­ne Ei­sen­bahn-Lo­go fah­ren­den Wag­gons aus Deutsch­land wie­der zu­rück. Denn an Stel­le von Fern­ver­kehrs­wag­gons sind auf ei­ni­gen Ver­bin­dun­gen nur noch Ci­ty­s­hut­tle-Wag­gons im Ein­satz, die nur im Re­gio­nal- oder Re­gio­nal­ex­press Zug ein­ge­setzt wer­den. Nur zwei­te Klas­se für rund 300 Ki­lo­me­ter. Und de­gra­diert vom In­ter­ci­ty zum D-Zug, ei­ne Zug­be­zeich­nung, die im na­tio­na­len Be­trieb schon lan­ge nicht mehr üb­lich ist.

Fahrplan ausgedünnt

Und der Fahr­plan? Da stim­men die Um­stei­ge­ver­bin­dun­gen am Wo­chen­en­de schon lan­ge nicht mehr über­ein, da der Takt der Re­gio­nal­zü­ge ins Mürz­tal um ge­nau ei­ne Stun­de zeit­ver­setzt zu den Zü­gen zwi­schen Graz und Salz­burg ist.

Für heu­te – 26. De­zem­ber – wer­den mir im On­line-Fahr­plan bis zum spä­ten Vor­mit­tag über­haupt nur Zug­ver­bin­dun­gen über Wien oder Vil­lach nach Salz­burg an­ge­bo­ten. Rund sechs Stun­den Fahr­zeit als bes­te Op­ti­on. „Ide­al­zeit“ war die letz­ten Jah­re kon­se­quent 4 Stun­den und 11 Mi­nu­ten von Kind­berg nach Salz­burg für 256 Ki­lo­me­ter.

Po­si­tiv über­rascht bin ich, dass im­mer­hin ei­ne Ver­bin­dung an ei­nem Fei­er­tag die­se Zeit noch hal­ten kann.

Reisebericht aus dem Zug

Seit 11:33 Uhr sit­ze ich nun im Zug, Um­stei­gen in Bruck an der Mur und Leo­ben. EC 216 nach Saar­brü­cken.

Der Zug ist bis auf den letz­ten Platz ge­ram­melt voll. Von Fahr­gast­man­gel ist nichts zu spü­ren. Ich ent­schei­de mich für ei­nen Platz im DB-Spei­se­wa­gen bzw. Bis­tro. Mit ei­nem „Gu­ten Mor­gen“ wer­de ich bei der Spei­sen- und Ge­trän­ke­aus­ga­be emp­fan­gen.

Nach­dem es be­reits 12:15 Uhr ist sa­ge ich „Mahl­zeit“. „Wir ha­ben nichts zu es­sen“ wer­de ich auf­ge­klärt, „au­ßer Früh­stück“. Ich ent­schei­de mich für ei­nen Kaf­fee – gott­sei­dank ha­be ich Ver­pfle­gung da­bei. „Fünf Früh­stück ha­be ich noch“ wird der nach­fol­gen­de Kun­de auf­ge­klärt. „Nein dan­ke, dann neh­me ich lie­ber ein Bier“. „Das ist aber lau­warm“.

Bild: DB Speisewagen und Bistro

Mitt­ler­wei­le muss ich schon schmun­zeln und über­le­ge viel­leicht noch ei­ne Ka­ba­rett-Zu­la­ge zu zah­len. Die Mit­ar­bei­te­rin er­klärt im Mi­nu­ten­takt den Fahr­gäs­ten forsch, dass es nichts zu es­sen gibt. Mit zwei an­de­ren Fahr­gäs­ten wird ver­han­delt, dass sie ei­ne Piz­za ser­vie­ren kön­ne – aber nur lau­warm.

An­geb­lich ist die Küh­lung schon seit drei Ta­gen aus­ge­fal­len – sie kön­ne aber nicht von den „Ösis“ in Graz re­pa­riert wer­den. In Zei­ten mo­der­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten wä­re es aber viel­leicht mög­lich, kurz­fris­tig an­de­re Spei­sen oder pro­vi­so­ri­schen Er­satz zu be­schaf­fen. Für krea­ti­ve Men­schen gibt es im Win­ter viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten, Ge­trän­ke zu küh­len.

Ohne Essen bis Saarbrücken?

Ich kann mir gut vor­stel­len dass Fahr­gäs­te die bis nach Saar­brü­cken rei­sen und dort nach fast 11 Stun­den Fahr­zeit um 22:19 Uhr an­kom­men, nicht ge­ra­de glück­lich über die­se Si­tua­ti­on sind.

Aber als re­gel­mä­ßi­ger Bahn­rei­sen­der lernt man. Nicht et­wa von den Fahr­ten durch Si­bi­ri­en, Ja­pan, Chi­na oder Viet­nam. Son­dern von Fahr­ten durch Mit­tel­eu­ro­pa. Vor kur­zem, auf der Fahrt von Karls­ru­he nach Mün­chen, wur­de oh­ne Vor­war­nung der Spei­se­wa­gen gleich ganz ge­stri­chen. Beim War­men-Bier-Ver­käu­fer er­fuhr ich, dass der Spei­se­wa­gen schon seit sechs Wo­chen in Re­pa­ra­tur ist. Dar­auf im On­line-Fahr­plan hin­zu­wei­sen war auch da nicht mög­lich.

Scheibchenweise bis zur Einstellung

So gibt es im­mer et­was von Bahn­rei­sen zu er­zäh­len. Doch wie lan­ge noch von mei­ner “Haus-und-Hof-Stre­cke”? Ich schät­ze, dass es kei­ne fünf Jah­re mehr dau­ern wird, dass die Fern­ver­kehrs-Ver­bin­dung von Salz­burg nach Graz völ­lig ge­kappt wird. Zwi­schen Linz und Graz hat es die ÖBB schon ge­schafft.

Wenn man et­was um­brin­gen will schafft man das, auch wenn es mit der „Sa­la­mi­tak­tik“ scheib­chen­wei­se sein muss. Mit schlech­ter Qua­li­tät und un­at­trak­ti­ven Ver­bin­dun­gen lockt man kei­ne Fahr­gäs­te an. Und das will man schein­bar auch gar nicht. Nur mit die­ser Tak­tik kommt man dort hin, mit dem man am Bes­ten für ei­ne Ein­stel­lung der Zü­ge ar­gu­men­tie­ren kann: „Es fährt ja eh kei­ner“.

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Kommentare

  1. West­bus fährt bald auch Salz­burg – Graz.

  2. Andersreisender meint:

    @Christian: Po­si­tiv ist si­cher­lich die bes­se­re Qua­li­tät des Ser­vices – aber ich fah­re viel lie­ber mit dem Zug als mit ei­nem Bus. Und die zwei­te Fra­ge ist, wie es dann mit den Um­stei­ge­mög­lich­kei­ten aus­sieht.

  3. Ich hof­fe, Du hast trotz die­ser Odys­see schö­ne Fei­er­ta­ge ver­bracht.

    Was die schleis­si­gen Ver­bin­dun­gen der ÖBB auf Ne­ben­stre­cken be­trifft, so scheint das Vor­ge­hen hier ja ei­ne ge­wis­se Me­tho­de zu ha­ben:
    – Schritt 1: al­te Wag­gons wer­den ein­ge­setzt, Um­stei­ge­zei­ten mög­lichst Ver­län­gert
    – Kon­se­quenz 1: We­ni­ger Leu­te fah­ren mit dem Zug
    – Schritt 2: Mit dem Ar­gu­ment, es gä­be zu we­nig Nach­fra­ge wird der Fahr­plan wei­ter aus­ge­dünnt, es wird nicht mehr in Bahn­hö­fe und an­de­re An­la­gen in­ves­tiert
    – Kon­se­quenz 2: Noch we­ni­ger Fahr­gäs­te
    – Schritt 3: Die ÖBB sagt, es will oh­ne­hin kei­ner mehr fah­ren, Ver­bin­dun­gen wer­den zu­ge­dreht. Die wer­den dann nach Mög­lich­keit durch Post­bus­se er­setzt, um die letz­ten Fahr­gäs­te von der Schie­ne ab­zu­sau­gen und kei­nem pri­va­ten Kon­kur­ren­ten die Chan­ce zu ge­ben, zu be­wei­sen, dass es bes­ser geht. Ziel er­reicht.

    Hab mal ir­gend­wo die et­was zy­ni­sche aber nicht ganz rea­li­täts­frem­de Fra­ge ge­le­sen, wer denn nun wen über­nom­men hät­te, die ÖBB den Post­bus oder doch um­ge­kehrt?

  4. Andersreisender meint:

    @Grilli: Dei­ne Dar­stel­lung trifft ge­nau das, was ich un­ter Sa­la­mi-Tak­tik ver­ste­he. Schön lang­sam, scheib­chen­wei­se ein An­ge­bot de­mon­tie­ren. So, dass es nicht auf den ers­ten Blick of­fen­sicht­lich ist. Und dass das Gan­ze Me­tho­de hat se­he ich ge­nau so.

    Das mit der Post­bus-Über­nah­me – oder um­ge­kehrt – ist ei­ne in­ter­es­san­te Über­le­gung. 🙂

    Dan­ke der Nach­fra­ge, die Fei­er­ta­ge ha­be ich gut über­stan­den. 🙂 Ich hof­fe Ihr auch!

  5. Pensionen Berlin meint:

    Ich hät­te nicht ge­dacht das die Zü­ge und der Ser­vice so schlecht sind in Ös­ter­reich. Da ha­ben sie uns deut­schen aber was ge­mein­sam.

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