2: Abschied mit Tränen und Saunabesuch

Tränen der Freude und der Trauer liegen manchmal knapp beieinander. Abschiede sind häufig ein Wechselbad der Gefühle. Man ist traurig, seine gewohnte Umgebung zu verlassen und freut sich gleichzeitig auf eine spannende Reise mit vielen interessanten Begegnungen und neuen Eindrücken. Mit diesen Gefühlen ist man nicht allein. Auch für jene, die man für ein paar Monate verlässt, ist der Abschied nicht immer leicht. Aber es ist ja nur ein Abschied auf Zeit – ich komme ja wieder :-)

Nun ist es soweit: Ich lasse Kindberg und Österreich hinter mir. In Bratislava wird nach mehrmaligem Umsteigen zum letzten Mal der Zug gewechselt. Welche Sehenswürdigkeiten Bratislava zu bieten hat habe ich schon in einem anderen Beitrag berichtet. Für einen Altstadtbummel ist heute keine Zeit.

Saunabesuch mit Best-of Liste

Im R 609 “Aspirin” Richtung Košice funktioniert die Klimaanlage wieder mal nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob das vielleicht den Verkauf von Schmerzmitteln – z.B. vom Zug-Sponsor “Aspirin” – fördern soll.

Anscheinend dürften nicht nur in Deutschland die Klimaanlagen in Fernverkehrszügen bei diesem Wetter kläglich versagen sondern auch in der Slowakei das zu den Problemen der Bahn gehören. Also ist ein gemeinsamer Saunabesuch angesagt. Die Fahrgäste wechseln im vollen Abteil häufig und es entstehen ein paar interessante Gespräche. Ein Österreicher reiste zu seiner Freundin in der Slowakei. Zwei Freundinnen, etwas jünger als ich, fragten neugierig nach Details zu meiner Reise.

Eine von ihnen ist offenbar eine begeisterte “Best of” Listen-Schreiberin. So wollte sie wissen, welcher Platz mir bisher auf der Welt am besten gefiel, welches Bier mir am besten schmeckte, wo ich bisher das schlechteste Essen bekam u.s.w. Keine einfache Aufgabe, wo ich derlei Auflistungen eigentlich hasse.

Reise in die Vergangenheit im Speisewagen

Um den weiteren Fragereien bei hohen Temperaturen zu entkommen, besuchte ich den Speisewagen. Es gibt sie gottseidank noch die “alten” Speisewägen aus bald vergangenen Ost-Zeiten. Wie auch in Rumänien und Russland wird auch hier im Speisewagen frisch gekocht. Ich entscheide mich für gegrilltes Schwein mit Kartoffelbeilage. Die im Ost-Speisewagen obligatorische Salatgarnitur mit Tomaten, Gurken, Mais und etwas Kraut ist ebenfalls mit dabei.

Nach dem Nachmittags-Brunch war es dann auch schon Zeit für meinen “Blick in die Welt” pünktlich um 16 Uhr. Zu sehen ist heute der Speisewagen im Zug R 609 Bratislava – Košice.

Speisewagen im R609 Bratislava - Kosice

Speisewagen im R609 Bratislava – Kosice

Aktueller Stand um 16 Uhr:

Ort: Beluša – wenige Minuten vor Puchov

Land: Slowakei

Wetter: sonnig und sehr heiß

Zeitverschiebung:

Zur Mitteleuropäischen Sommerzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz beträgt der Zeitunterschied + 0 Stunden. Steht in Beluša die Uhr auf 16 Uhr ist es in Mitteleuropa ebenfalls 16 Uhr.

Keine Sorge, ab morgen wird der Punkt “Zeitverschiebung” spannender ;-)

Schlafwagen ab Žilina

Kurz vor 17 Uhr wird in Žilina in der Slowakei der Russische Schlafwagen Richtung Moskau an den R 609 angehängt. Eine Jugendgruppe wartet ebenfalls auf den Einstieg. Nach ersten Diskussionen wegen der Abteilsvergabe bekomme ich das 3er Abteil, in dem ich den unteren Platz gebucht habe, für mich alleine zugewiesen. Die Freude ist groß aber noch bin ich skeptisch wie lange dieser Zustand so bleibt.

In den Abteilen ist es extrem heiß, die Fenster können (wieder mal) nicht geöffnet werden. Ein Herr in Freizeitkleidung organisiert den Einstieg und kontrolliert auch die Fahrscheine. Noch ist mir nicht klar, ob er die Schülergruppe leitet oder der Provodnik (Schlafwagenschaffner) in diesem Zug ist. Jedenfalls ist er sehr bemüht und bittet mich die Abteiltüre zu schließen, da die Klimaanlage zu arbeiten beginnt.

Naja…Klimaanlage ist gut – es wurde aber gottseidank mit der Zeit etwas kühler. Ich denke wir haben die 27 Grad Standard-Raumtemperatur in Russischen Zügen erreicht. Im Winter wurde 2009 ordentlich eingeheizt, um diesen Wert zu erreichen. Anscheinend ist das die Idealtemperatur für Russen.

Als wir schon einige Zeit unterwegs sind gibt sich auch die Provodniza (Schlafwagenschaffnerin) in gewohnt resoluter Uniform zu erkennen. Sonderlichen Arbeitseifer legt sie aber nicht an den Tag, um alle Belange der Kundenzufriedenheit darf sich ihr Kollege in Zivil kümmern.

Endlich auf ein verträgliches Maß abgekühlt, wird es in Košice noch einmal ordentlich schweißtreibend. Macht Euch auf einen wirklich großen Brocken gefasst. Mehr dazu aber dann morgen.

Die kommende Nacht werde ich hier verbringen:

Im Schlafwagen Žilina – Moskau Kievskaja.

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Kommentare

  1. h.rogra meint

    lieber freund, “reise in die vergangenheit – speisewagen”. ich fühle mich animiert, einen kleinen literarischen rückblick nachfolgend beizutragen.
    liebe grüße aus salzburg!
    rochus
    ________________________________________________________________

    Budapest-Wien
    Speisewagen
    Alles trägt den Aufdruck “UTASELLÁTÓ
    In rot.
    Wie die Kunststoffblümchen.
    Salz- und Pfefferstreuer. Zahnstocher. Zuckerspender. Aschenbecher.
    Kaffee ist lauwarm.
    Bestelle zweiten.
    Der ist kochendheiss.
    Dazu drei Eier mit Schinken. Brot und Butter.
    Koch sieht aus, als hätte er die Schwindsucht.
    Überlege, ob ich ihm die Eier abgeben soll.
    Wahrscheinlich frisst ihm der fette Kellner alles weg.
    Der ist so Mitte vierzig und kaut ständig Fingernägel.
    Sein rotes Westchen spannt.
    Der, der mich bedient, ist älter und dünn.
    Sieht aus wie ein Raubvogel in Weste mit Brille.

    Sie kommt durch die halbautomatische Türe.
    Ganz in weiss.
    Setzt sich auf einen der vorderen Hocker auf der rechten Seite.
    Vor sich Aschenbecher und Zuckerspender und Blick ins Nichts.

    Der Raubvogel setzt zum Sturzflug auf die Taube an:
    “Kaffee die Dame?”
    Anstelle einer Antwort schlägt sie ganz leicht ihre Flügel.
    Irritiert lässt der alte Geier von seiner Beute ab.
    Sie starrt weiter ins Nichts.
    Wortlos.
    Bis wir den Bahnhof Györ erreichen.
    Bestellt beim Fetten einen Früchtetee mit Zitrone.
    Weiter Richtung Wien West.
    Türkische Musik plärrt.
    Beschliesse, die Taube zum Tanz zu bitten.

    Schweigend wiegen wir uns auf dem Gang.
    Ohne Rücksicht auf das, was aus den Lautsprechern kommt.

    Der Fette, mehr liegend als sitzend.
    Speichel tropft aus seinem Mund auf die Weste.
    Der schwindsüchtige Koch.
    Seine Küche wird für ihn zur Peepkabine.
    Und der Geier.
    Aus der Schemelperspektive.

    Mit Stechaugen.
    Unser Publikum.

    Langsam beginne ich, ihr das Federkleid abzustreifen.
    In unserem eigenen Takt zieht sie mich aus.
    Mit jedem Kleidungsstück, was auf den Boden des Speisewagens fällt,
    kommen wir unserer Natur näher.
    Endlich nackt.

    Vorbei in schneller Fahrt an einem LKW.
    Aufschrift “Gazelle”.

    Drehen uns schneller.
    Stillen unseren Durst nach des anderen Flüssigkeiten.
    Lecken. Saugen.
    Säfte rinnen unsere Beine entlang auf den Wagenboden.

    Drehen uns schneller und schneller.
    Lösen uns auf ineinander.

    Bestelle noch einen Orangensaft,
    bevor der Zug Wien-West erreicht.

    ©h.rogra 2001

  2. Da Sage ich mal – guten Appetit!

    Viel Spaß weiterhin auf deiner Reise und in den ICEs in Deutschland hätte dir dasselbe geblüht! ;-)

    Thats life!

    Eine Frage habe ich noch an dich, sprichst du die Landessprache?

  3. Schwesterherz meint

    Tja – ich hab aber heute gelesen, dass diese Zuggäste in Deutschland wenigstens 500,– Entschädigung für die unfreiwillige Sauna bekommen. Auch nicht schlecht.

    Bussal und alles Gute, Andrea

  4. Andersreisender meint

    @h.roga: Speisewagen-Phantasien – die aber nicht ganz abwägig sind. Siehe meinen Beitrag in ein paar Tagen vom Russischen Speisewagen nach Dienstschluss ;-)

    @Mattias: Ne panimai (ich glaub dahinter gehört noch ein ju) – soviel zum Thema Sprache sprechen. Das heißt “Ich verstehe nicht”. Oder so gut wie nix.

    @Schwesterherz: Willkommen im Andersreisen Blog – freut mich, von Dir einen Kommentar zu lesen :-) 500 Euro wären toll als zusätzliches Urlaubsgeld – das wirds für mich aber leider nicht geben :-(

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