Transsib (12): Irkutsk IV & Baikalsee

Frei­tag, 6. Fe­bru­ar 2009
 
Kurz nach 8 Uhr war­te ich auf die Marsch­rut­ka zum Bus­bahn­hof. Mit mir war­ten et­wa 50 an­de­re Per­so­nen – doch es ist mucks­ma­eu­schen­still. Kei­ner spricht. Wae­ren da nicht die Fahr­zeu­ge, wu­er­de man ei­ne Steck­na­del fal­len hoeren. Fu­er mi­ch sehr span­nend, ha­be ich doch in Er­in­ne­rung, dass man si­ch bei uns am Bahn­hof doch recht gut un­ter­ha­elt. Und dann er­st die Ita­lie­ner, die je­den Tag vom Ho­tel Sche­rer an mei­ner Woh­nung vor­bei in die Stadt mar­schie­ren ... die ho­ere ich so­gar durch das ver­schlos­se­ne Fens­ter. Aber hier – al­les still.
Der Ver­kehr ist mas­siv und so brau­che ich deut­li­ch la­en­ger zum Bus­bahn­hof, als ei­gent­li­ch ge­plant. Nur no­ch 5 Mi­nu­ten Zeit zur Ab­fahrt des Bus­ses. So­bald ich die Kar­te im Ge­ba­eu­de ge­kauft ha­be, ist wahr­schein­li­ch der Bus ab­ge­fah­ren. Ich ent­de­cke al­ler­dings ei­ne Marsch­rut­ka mit Auf­schrift List­vjan­ka. Nach­dem be­reits Fahr­ga­es­te im Au­to sit­zen, set­ze ich mi­ch da­zu. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten wer­den wir ge­be­ten, in den gros­sen Bus um­zu­stei­gen. Kein Pro­blem, ich glau­be jetzt bin ich so­wie­so in dem Bus, mit dem ich ur­spru­eng­li­ch fah­ren woll­te. Ue­ber Stras­sen, die man aus den ame­ri­ka­ni­schen Fil­men kennt, fah­ren wir Rich­tung List­vjan­ka. Ein­mal den Hue­gel hin­un­ter, dann auf der an­de­ren Sei­te wie­der hin­auf. Berg­ab wird der Bus im­mer schnel­ler – die Ru­e­schen­vor­ha­en­ge flat­tern. Berg­auf ver­lie­ren wir schnell an Fahrt und freu­en uns schon, dass der An­stieg bald zu En­de ist. Ra­sant geht’s wie­der berg­ab...
Ein­ein­halb Stun­den spae­ter zah­le ich 100 Ru­bel – et­was mehr als 2 Eu­ro – und ste­he di­rekt am Ha­fen von List­vjan­ka. Die Ka­pi­ta­e­ne ste­hen ne­ben ih­ren ein­ge­fro­re­nen Schif­fen am Eis. Ein lus­ti­ger An­bli­ck.
Baikalsee im Winter - Russland
Di­rekt am Platz be­fin­det si­ch auch das neue Bai­kal-Ho­tel. Da­vor wird ge­ra­de ei­ne rie­si­ge Eis­burg auf- oder ab­ge­baut.
Hotel in Listvjanka am Baikalsee im Winter - Russland
Hier in List­vjan­ka hat man Zeit fu­er aus­ge­dehn­te Spa­zier­ga­en­ge – es sind um die­se Jah­res­zeit kaum Tou­ris­ten zu se­hen. Ich er­kun­de den Ort er­st in die ei­ne Rich­tung bis zu ei­nem Ho­tel, das nicht mehr wei­ter­ge­baut wer­den durf­te und nun als Rui­ne dort steht. Die Ge­set­ze fu­er Erd­be­be­si­cher­heit wur­den nicht ein­ge­hal­ten. Theo­dor hat mir am Vor­tag vom star­ken Erd­be­ben in Ir­kutsk im Au­gust 2008 er­za­ehlt. Sie ha­ben es in ih­rer Woh­nung im 8. Sto­ck mit­er­lebt. Gott­sei­d­ank al­les gut ge­gan­gen. Mi­ch schau­dert.

Zu­ru­eck in der “Orts­mit­te” ge­neh­mi­ge ich mir ei­nen Omul als Mit­tag­es­sen. Der ge­schmack­vol­le Fisch, den es nur am Bai­kal­see gibt, wird ent­we­der kalt oder warm ge­raeu­chert ver­kauft. Ich ent­schei­de mi­ch fu­er die war­me Va­ri­an­te und ma­che es mir in der Hu­et­te be­quem. Ge­ges­sen wird der Omul mit den Fin­gern – ich ha­be mir no­ch ein biss­chen Brot da­zu ge­kauft.

Omul-Verkaufsstand Listvjanka am Baikalsee - Russland

Fri­sch ge­sta­erkt ma­che ich mi­ch in Rich­tung Anga­ra-Ab­fluss auf. Der Weg fu­ehrt sta­en­dig ent­lang des Sees. Man hat hier stets ei­nen gu­ten Rund­um­bli­ck.

Ich be­schlies­se al­ler­dings auf dem Fest­land und nicht auf dem Eis zu ge­hen. Der Grund: Die An­woh­ner ho­len ihr Was­ser di­rekt aus dem Bai­kal­see. Da­fu­er ha­ben sie Loe­cher in Ufer­na­e­he ins Eis ge­hau­en. Und ich moech­te nicht in ei­nem sol­chen Eis­loch ver­sin­ken. Au­to- und auch Mo­ped­fah­rer de­mons­trie­ren im Lau­fe des Ta­ges im­mer wie­der, dass das Eis pro­blem­los ih­re Last ha­elt.
Zugefrorener Baikalsee im Winter - Russland
Wo die Fa­eh­re nach Port Bai­kal ue­ber­setzt, fliesst die Anga­ra aus dem Bai­kal­see. Dort en­det auch die Eis­de­cke, da das ab­flies­sen­de Was­ser aus der Tie­fe mit et­wa 4 Grad an die Ober­flaeche kommt und da­her nicht mehr ge­frie­ren kann.
Listvjanka, Blick Richtung Port Baikal am Baikalsee und Abfluß der Angara - Russland
Trotz­dem fa­ehrt die Fa­eh­re nicht das gan­ze Jahr. Im Win­ter ist der Be­trieb nicht si­cher. Ich hat­te in mei­ner Rei­se­pla­nung ue­ber­legt, even­tu­ell ei­ne Nacht in List­vjan­ka zu ver­brin­gen und dann mit der Fa­eh­re nach Port Bai­kal ue­ber­zu­set­zen. Von dort wa­e­re es mit der al­ten Cir­cum-Bai­kal-Bahn wei­ter nach Slud­jan­ka, an mei­ne jet­zi­ge Rei­se­stre­cke ge­gan­gen. Ich bin froh, dass ich die­se Tour schon wa­eh­rend der Re­cher­che ab­ge­bla­sen ha­be – es haet­te ei­ne Men­ge Schlep­pe­rei und ei­ne un­ge­wis­se Ue­ber­fahrt nach Port Bai­kal be­deu­tet.
So ist es mit mei­nem klei­nen Ruck­sack viel bes­ser und ich kann von hier ge­mu­et­li­ch bis zum Scha­ma­nen­stein in der Anga­ra wei­ter­wan­dern. Ein Stein, der ca. ein­ein­halb Me­ter hoch aus dem Ab­fluss der Anga­ra ragt.
Listvjanka am Baikalsee - Schamanenstein in der Angara - Russland
Man er­za­ehlt si­ch in Si­bi­ri­en die Sa­ge, dass Va­ter Bai­kal ue­ber 300 So­eh­ne und ei­ne wun­der­scho­ene Toch­ter mit Na­men “Anga­ra” hat­te. Die fu­ehl­te si­ch sehr ein­ge­sperrt und war sehr un­g­lu­eck­li­ch. Sie ho­er­te von voru­e­ber­flie­gen­den Moe­wen vom jun­gen, schi­cken Je­nis­sej und ver­lieb­te si­ch, ob­wohl sie ihn no­ch nie ge­se­hen hat­te, un­sterb­li­ch in ihn. Ei­nes Nachts riss Anga­ra heim­li­ch aus, doch ihr Va­ter merk­te es und warf er­bost ei­nen Stein nach sei­ner Toch­ter, um sie auf­zu­hal­ten. Er traf al­ler­dings nur den Saum des Klei­des und Anga­ra ent­schwand.
Sei­ne So­eh­ne such­ten ta­ge­lang nach Anga­ra. Der ju­engs­te Sohn Ir­kut fand sie. Die schlaue Anga­ra sag­te zu ihm: “Du hast viel zu lan­ge ge­braucht mi­ch zu fin­den, es wer­den si­ch bei Dei­ner Ru­eck­kehr al­le ue­ber Dich lus­tig ma­chen. Am Bes­ten, Du laeuf­st mit mir zum Je­nis­sej.” Ir­kut stimm­te ihr zu und so wur­de Jen­es­sej Angara’s Mann und Ir­kut wur­de von ihm auf­ge­nom­men, wie ein Bru­der.
Bis heu­te laeuft die scho­ene Anga­ra mit dem flin­ken Ir­kut zum Je­nis­sej und dann lau­fen sie zu dritt bis zum no­erd­li­chen Eis­meer. Der Scha­ma­nen­stein ist je­ner Stein, den der al­te Bai­kal nach sei­ner Toch­ter warf. (vgl. Knop 2008*)
Listvjanka am Baikalsee im Winter - Russland
Zu­ru­eck in der “Rea­li­taet” se­he ich mir noch­mal die Eis­gren­ze des Sees (am Bild ge­n­au hin­ter mei­nem Ru­ecken) ge­nau­er an. Dann be­sich­ti­ge ich das Bai­kal-Mu­se­um, wo ich no­ch ein paar Hard-Facts ue­ber die­sen See der Su­per­la­ti­ve in ei­ner eng­lisch­spra­chi­gen Pri­vat­fu­eh­rung be­kom­me. Der Bai­kal­see ist 636 km lang (Et­wa die Ent­fer­nung Wien – Bre­genz) und bis zu 80 km breit. Die tief­ste Stel­le misst 1.637 m – so­mit ist er der tief­ste See der Er­de. 336 Flues­se spei­sen den See, nur die Anga­ra ist sein Ab­fluss. Der Bai­kal­see um­fasst 23.000 Ku­bik­ki­lo­me­ter Was­ser, das ist zwei­mal so viel wie in der Ost­see und ent­spricht et­wa 20 % des ge­sam­ten Su­ess­was­ser­be­stan­des der Welt.
Die Sicht­tie­fe be­traegt bei kla­rem Wet­ter bis zu 40 Me­ter. Die Was­ser­tem­pe­ra­tur liegt zwi­schen 4 und 16 Grad. Ab Ja­en­ner ue­ber­zieht den See ei­ne bis zu 1,5 Me­ter di­cke Eis­schicht. Im Bai­kal­see le­ben vie­le be­son­der Tie­re, die es son­st nir­gends gibt. Der Oel­fi­sch lebt in ei­ner Tie­fe bis zu 1.410 Me­ter, dort herrscht ein Druck von 125 Bar!
Aus­ser­dem ler­ne ich die Bai­kal-Rob­ben und auch die no­ch le­ben­den Ver­wand­ten des heu­te Mit­tag ver­speis­ten Omuls ken­nen.
Baikal Museum Listvjanka - Baikalrobbe
Baikal Museum Listvjanka - Omul
Nach dem Mu­se­ums-Be­su­ch ma­che ich mir Ge­dan­ken ue­ber die Heim­fahrt. Die gan­ze Zeit ue­ber ha­be ich kei­ne ein­zi­ge Marsch­rut­ka Rich­tung Ir­kutsk ge­se­hen. Und der Bus fa­ehrt er­st um 17:45 – das wu­er­de no­ch ei­ne lan­ge War­te­zeit be­deu­ten. Doch ich ha­be Glu­eck und war­te kei­ne zwei Mi­nu­ten, schon kommt ei­ne fast lee­re Marsch­rut­ka. Ue­ber die “Fern­seh­film-High­way-Hue­gel” flit­zen wir Rich­tung Ir­kutsk.
Marschrutka Listvjanka - Irkutsk - Russland
So ha­be ich no­ch ge­nue­gend Zeit, die “schnel­le Ver­si­on” der Spa­ghet­ti Bo­lo­gne­se fu­er den Ab­schieds­abend vor­zu­be­rei­ten. Im Su­per­markt fin­de und be­kom­me ich fast al­les. Thy­mi­an fehlt lei­der, das To­ma­ten­mark ent­puppt si­ch in der Kue­che als schar­fer, me­xi­ka­ni­scher Senf und beim Fa­schier­ten bin ich mir nicht si­cher, ob es vom Rind oder vom Schwein ist. Aber egal... Ba­ril­la- und Bui­to­ni-Nu­deln gibt’s in al­len For­men, nur als Spa­ghet­ti nicht. Dann ent­de­cke ich et­was ver­steckt die “Spa­ghet­ti lung­hi” mit dop­pel­ter La­en­ge. Ich bin ue­ber­rascht, die­se hier zu fin­den.
Die Sau­ce Bo­lo­gne­se a la Ir­kutsk schmeckt trotz­dem le­cker, schaet­zungs­wei­se 8.000 km von Ita­li­en ent­fernt. Theo­dor be­rei­tet als Vor­spei­se no­ch ein paar Ka­vi­ar-Bro­et­chen mit Lach­screme vor.
Spaghetti Bolognese in der Russischen Küche - Irkutsk
Spaghetti Bolognese in der Russischen Küche - Irkutsk
Dann kann der Ab­schieds­abend be­gin­nen. Nicht nur ich bin ein biss­chen trau­rig, dass wir uns in ein paar Stun­den schon ver­ab­schie­den mu­es­sen. Mei­ne Gast­ge­ber sind mir sehr ans Herz ge­wach­sen. Aber ich bin mir si­cher, man sieht si­ch bald mal wie­der.
Um 0:30 wird es dann Zeit ins Bett zu ge­hen – es hilft al­les nichts, denn in vier Stun­den laeu­tet schon wie­der der We­cker. Und die Ei­sen­bahn war­tet nicht...
Quel­len­nach­weis fu­er In­fos ue­ber Ir­kutsk und Bai­kal­see und Zi­ta­te aus dem “Rei­se­fu­eh­rer” in die­sem Rei­se­ta­ge­buch:
Der Link führt zur ak­tu­el­len Ver­si­on des Trans­sib-Rei­se­füh­rers.

 

Weiterlesen im Live-Reisetagebuch Transsibirische Eisenbahn:

Kommentare

  1. Irkutsk meint:

    Schö­ner Be­richt und dan­ke für den Kom­men­tar auf mei­nem Blog. Den eis­be­deck­ten Bai­kal muss man ein­fach mal ge­se­hen ha­ben. Atem­be­rau­bend! Na Zdaro­vi­je

  2. Andersreisender meint:

    @Irkutsk: Bit­te­schön, gern ge­sche­hen – ich le­se re­gel­mä­ßig Dei­ne News aus Ir­kutsk und Um­ge­bung! Macht wie­der rich­tig Lust auf ei­nen Be­su­ch in Si­bi­ri­en 🙂

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