Damals am 4. Juli 1913 in Beamish (2)

Nord­eng­land ist im Jahr 1913 vom Koh­le­berg­bau ge­prägt. Ei­ne rum­pe­li­ge Zeit­ma­schine hat mi­ch im ers­ten Teil aus New­cast­le nach Be­a­m­ish im Jahr 1913 be­för­dert und be­schert mir ei­nen le­ben­di­gen Ein­bli­ck in das Le­ben der Be­woh­ner im Nord­os­t­en Eng­lands zu die­ser Zeit.

In der klei­nen Stadt Be­a­m­ish kön­nen je­ne mit gut ge­füll­tem Geld­beu­tel al­les kau­fen, was das Herz be­gehrt. Im “Pit Vil­la­ge” sieht das Le­ben aber an­ders aus. Dort le­ben die Berg­bau­ar­bei­ter in der Nä­he der Koh­le­mi­ne und ha­ben den Ge­ruch der Dampf­ma­schi­nen auch im ei­ge­nen Ge­mü­se­gar­ten in der Na­se.

Bild: Vorgarten Pit Village in Beamish

Über den Zaun in den Vor­gar­ten im Pit Vil­la­ge ge­schaut

Koh­le ist wich­tig für den tech­ni­schen Fort­schritt und die In­dus­trie. Wäh­rend die Pro­le­ta­rier für ih­ren Lohn in den ge­fähr­li­chen Mi­nen schuf­ten bringt die Aus­beu­te den ka­pi­ta­lis­ti­schen Un­ter­neh­mern Koh­le in die Kas­sen.

Bild: Kohlemine Beamish

Koh­le ist der Mo­tor der In­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on

Auch Kin­der und Ju­gend­li­che sind tief un­ter der Er­de im Ein­satz um das “Schwar­ze Gold” zu Ta­ge zu be­för­dern.

Bild: Kohlemine in Beamish

Von ei­nem Pit Vil­la­ge ist die Ze­che nicht weit ent­fernt

Dampf­ma­schi­nen trie­ben die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on schon An­fang des 19. Jahr­hun­derts vor­an.

Er­st wur­de der Trans­port der Koh­le in den Berg­bau­ge­bie­ten um New­cast­le auf die Schie­ne ver­legt. Auf „wag­gon-wags“ wur­de sie von den Ze­chen zu Flüs­sen, Ka­nä­len oder an die Nord­see be­för­dert.

Bild: Lokführer Pockerley

Die ers­ten Dampf­lo­ko­mo­ti­ven wa­ren in Mi­nen im Ein­satz

An­fangs wur­den die “wag­gons” no­ch von Pfer­den ge­zo­gen. In der Nä­he der Ze­che war Koh­le für Ma­schi­nen bil­li­ger als das Pfer­de­fut­ter und so wur­de die Ent­wick­lung von der Dampf­ma­schine zur Lo­ko­mo­ti­ve vor­an­ge­trie­ben.

Bild: Steam Elephant in Beamish

Die “Steam Ele­phant” war ab 1815 in Koh­le­mi­nen im Ein­satz. Die Re­pli­ca von 2001 fährt im Be­a­m­ish Mu­se­um

1913 sind die Stahl­rös­ser schon längst kei­ne Sen­sa­ti­on mehr, seit rund 100 Jah­ren ver­se­hen sie schon pfau­chend und damp­fend ih­ren Dienst im Nor­den Eng­lands. An­fangs wa­ren sie haupt­säch­li­ch für den Gü­ter­trans­port im Ein­satz.

In der Berg­bau­ar­bei­ter­sied­lung mischt si­ch der Ge­ruch der ver­brann­ten Koh­le mit ei­ner fet­tig-fischi­gen No­te. Der Fish’n’Chips Shop kann nicht mehr weit sein – ge­ra­de Rich­tig zur Lunchti­me.

Bild: Fish'n'Chips in der Küche

Fish’n’Chips wer­den ge­ra­de fri­sch pa­niert

In der ge­ka­chel­ten Kü­che pa­nie­ren jun­ge Kö­chin­nen den Fisch. Haar­net­ze und Kit­tel­schür­zen ge­hö­ren bei die­ser Ar­beit zur Stan­dard­aus­rüs­tung. Wie­der wird et­was Holz nach­ge­legt, da­mit das Fett in der Frit­teu­se die ho­he Tem­pe­ra­tur hält.

Bild: Fritteuse mit Holz befeuert

Das Feu­er hält die Tem­pe­ra­tur der Frit­teu­se

Un­auf­hör­li­ch wer­den fri­sch pa­nier­te Por­tio­nen Fisch und Kar­tof­fel­spal­ten im hei­ßen Fett her­aus­ge­ba­cken. Wer nicht so viel Hun­ger hat kann auch “Dab & Chips” or­dern – ei­ne “hal­be Por­ti­on” der fet­ti­gen Hap­pen.

No­ch schnell ei­ne Ja­mes Fenwick’s Le­mona­de be­stellt und schon drückt mir die Da­me von der Frit­teu­se mei­ne Por­ti­on Fish & Chips in die Hand. Ich könn­te wäh­rend des Es­sens die Neu­ig­kei­ten des Ta­ges le­sen, stammt die Zei­tung fürs Sta­nit­zel doch auch vom 4. Ju­li 1913.

Bild: Fish'n'Chips

Ich freue mi­ch über mei­ne Fish’n’Chips aus dem Jahr 1913

Ver­mut­li­ch wä­re auch dort der Tod der Suf­fra­get­te Emi­ly Wil­ding Da­vi­son no­ch un­ter den Schlag­zei­len zu fin­den. Der Tod der Frau­en­recht­le­rin er­st vor we­ni­gen Wo­chen, am 8. Ju­ni, sorg­te in Nord­eng­land für Auf­re­gung. Beim Ep­som Der­by lief sie vor das Renn­pferd Kö­nig Ge­or­ge V. und wur­de zu To­de ge­tram­pelt.

In Be­a­m­ish sind die Men­schen von den tra­gi­schen Er­eig­nis­sen nach wie vor auf­ge­wühlt und das The­ma Frau­en­rech­te ist wie­der in den Blick­punkt ge­rückt. Schlei­fen mit der Auf­schrift “Vo­tes for wo­men!” wer­ben für das Frau­en­wahl­recht.

Ein Recht, das vie­len Män­nern nach wie vor ein Dorn im Au­ge ist. No­ch scheint die Zeit nicht reif zu sein, die bri­ti­schen Suf­fra­get­ten müs­sen für ihr Ziel no­ch 15 lan­ge Jah­re kämp­fen.

Bild: Votes for women in Beamish

Vo­tes for wo­men” for­dert das Wahl­recht für Frau­en

Wie prak­ti­sch, wenn man in die Zu­kunft bli­cken kann – oder bes­ser ge­sagt aus der Zu­kunft kommt. 100 Jah­re zu­rück ver­setzt se­he ich heu­te vie­les an­ders als da­mals die Be­völ­ke­rung.

Im Be­a­m­ish Mu­se­um sind al­le Be­woh­ner zeit­rei­sen­de. Sie ma­chen den Be­su­chern das Le­ben im Nord­os­t­en Eng­lands An­no 1913 be­greif­bar.

Bild: Heumaht mit Pferden in Beamish

Wenn die Heu­maht in Be­a­m­ish an­steht wird sie er­le­digt

Das Le­ben ver­än­dert si­ch auch in Be­a­m­ish. Die­ses Jahr sind die Frau­en­rech­te wich­ti­ges The­ma, nächs­tes Jahr wird über an­de­res dis­ku­tiert.

Mi­ch hat der Be­su­ch im Be­a­m­ish Mu­se­um sehr be­ein­druckt. Ein paar Stun­den hat­te ich ein­ge­plant und ein gan­zer Tag “in der Ver­gan­gen­heit” ist dar­aus ge­wor­den. Ich ha­be sel­ten so ein le­ben­di­ges, span­nend ge­stal­te­tes und in­ter­es­san­tes Frei­licht­mu­se­um be­sucht.

Bild: Plausch während Bus-Pause

Wäh­rend der Bus-Pau­se bleibt Zeit für ei­nen Plau­sch

Nicht um­son­st heißt es “The li­ving Mu­se­um of the Nor­th”. Hier kön­nen Be­su­cher das Le­ben der Be­völ­ke­rung im Nor­den Eng­lands haut­nah mit­er­ele­ben.

Ich war am 4. Ju­li 1913 dort und bin mir si­cher, dass De­in Tag im Be­a­m­ish Mu­se­um an ei­nem an­de­ren Tag völ­lig un­ter­schied­li­ch ver­läuft.

Bild: Ziegen im Beamish Museum

Zie­gen sind 1913 schon neu­gierg

Ab­so­lut se­hens­wert!

Tipps für einen Besuch im Beamish Museum:

  • Das Be­a­m­ish Mu­se­um (Nor­th of Eng­land Open Air Mu­se­um) liegt in der Graf­schaft Coun­ty Durham in Groß­bri­tan­ni­en, die nächs­ten grö­ße­ren Städ­te sind New­cast­le, Gates­head und Durham.
  • Öff­nungs­zei­ten in den Som­mer­mo­na­ten 10 bis 17 Uhr, letz­ter Ein­lass 15 Uhr. Das Frei­licht­mu­se­um ist auch im Win­ter ge­öff­net.
  • Tipp: Un­be­dingt ei­nen gan­zen Tag fürs Be­a­m­ish Mu­se­um ein­pla­nen, es gibt sehr viel zu se­hen und zu er­le­ben!
  • An­rei­se mit öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln: Bus 28 oder 28A ab New­cast­le und Gates­head. Ab­fahrt tags­über im Stun­den­takt im­mer 10 Mi­nu­ten vor der vol­len Stun­de in New­cast­le di­rekt auf der Rück­sei­te des Ein­kaufs­zen­trums El­don Squa­re (Zu­gang durchs Ein­kaufs­zen­trum), Halt u.a. in Gates­head In­ter­ch­an­ge (Me­tro). Fahr­zeit: ca. 50 Mi­nu­ten. Ti­cket­kauf im Bus, hin und re­tour für Er­wach­se­ne £ 5,50.
  • Wei­ter­füh­ren­de In­fos, Öff­nungs­zei­ten, Ein­tritts­prei­se und Neu­ig­kei­ten auf der Home­page des Be­a­m­ish Mu­se­ums.

Hin­weis: Das Be­a­m­ish-Mu­se­um hat mi­ch auf An­fra­ge zu ei­nem Tag im Mu­se­um ein­ge­la­den. Dan­ke­schön! Mei­ne Mei­nung bleibt da­von un­be­rührt.

Kommentare

  1. Und wie­der ein Ar­ti­kel, der uns in der Zeit zu­rück­ver­setzt und wie­der ein­mal klas­se Fo­tos. Mir ge­fal­len vor al­lem die Brü­cken für die Koh­le-Bah­nen und die Fish’n Chips, die könn­te ich jetzt auch zu gut ver­drü­cken! 🙂

  2. ei­ne Zeit­ma­schine 🙂

  3. Andersreisender meint:

    - Alex: Mjam! Fish & Chips sind ab­so­lut le­cker – auch wenn sie schon (schein­bar) 100 Jah­re alt sind. Aber sie schla­gen si­ch ziem­li­ch auf die schlan­ke Li­nie. 😉

    - Wal­ter: Jaa! Woll­te ich schon im­mer ein­mal da­mit rei­sen! Du nicht? 😉

  4. Wahn­sin­nig tol­ler Ar­ti­kel mit su­per Fo­tos. Echt ir­re, was Du da er­lebst 😉 Ich könn­te mir nicht vor­stel­len, so zu le­ben, wie die Leu­te dort.

    Freue mi­ch auf wei­te­re Ar­ti­kel von Dir!

    Gruß aus Bre­mer­ha­ven
    Claas

  5. Klaudia meint:

    Ich se­he da vie­le Ähn­lich­kei­ten zum Ruhr­ge­biet und sei­ner Berg­bau-Ge­schich­te. Auch hier gab es die gro­ße Sche­re zwi­schen arm und reich, auch hier gin­gen schon die Ju­gend­li­chen und Kin­der un­ter Ta­ge, um das schwar­ze Gold ab zu­bau­en. Die Mu­se­en der heu­ti­gen Zeit zei­gen, was das Le­ben, dem Kum­pel (der Berg­mann) und sei­ner Fa­mi­lie ab­ver­lang­te.

  6. So al­te Locks sind echt fas­zi­nie­rend. Ich woh­ne di­rekt an der Bahn und wenn das gan­ze Haus wa­ckelt und man ne Rauch­wol­ke oben sieht, dann weis, man es kommt wie­der so ein al­tes Dam­pfross!

  7. Na das ist ja ein ge­nia­les Mu­se­um – nicht über­all be­kommt man die Ver­gan­gen­heit so vor­ge­lebt.

    lg kath­rin

  8. Andersreisender meint:

    - Claas: Dan­ke­schön 🙂

    - Klau­dia: Dan­ke für Dei­nen in­ter­es­san­ten Ge­dan­ken. Stimmt – von der Berg­män­ni­schen Sei­te ha­ben die bei­den Re­gio­nen tat­säch­li­ch viel Ge­mein­sam.

    - Ol­ga: Dann heißt es schnell die fri­sche Wä­sche ab­neh­men, be­vor al­les ru­ßig ist. 😉

    - Kath­rin: Stimmt! Mir hat der Be­su­ch im Be­a­m­ish Mu­se­um sehr gut ge­fal­len. Kann ich nur je­dem wei­ter­emp­feh­len. 🙂

Deine Meinung ist uns wichtig

*