Eine Reise durch China ist – trotz eines starken Trends zum westlichen Lebensstil – eine Reise in eine völlig andere Kultur. Hat man mitten in der Einkaufsstraße Nanjing Road in Shanghai das Gefühl in einer Weltstadt zu sein, so kann dieser Eindruck in der nächsten Seitengasse sofort wieder schwinden. Ganz zu schweigen von anderen Städten in China. Viele Millionenstädte sind auf den zweiten Blick extrem provinziell. Aber ist es nicht genau das, was wir auf einer China-Reise suchen? Das Andere, Besondere und auch Fremde?
Ich wurde im einen oder anderen Buch zur Reisevorbereitung für China ja bereits vorgewarnt – und trotzdem trifft es mich nach eineinhalb Monaten China-Reise immer wieder überraschend: Hier sind meine neun persönlichen Dinge, die mir bisher nicht nur einmal auf meiner Chinareise passiert sind. Und ich bin mir sicher, dass Dir bei Deiner Reise auch die eine oder andere Situation bekannt vorkommen wird:
1. Der Klassiker: Dass Du in die falsche Richtung geschickt wirst
Chinesen haben oft Angst Dir keine Antwort auf Deine Frage geben zu können. Und bevor sie Dir gar keine Antwort geben, erhältst Du eine ausweichende oder falsche. Ich bin oft bei der Frage nach dem Weg anschließend in die falsche Richtung gerannt. Mittlerweile entwickle ich ein Gespür dafür, dass sich jemand nicht auskennt und nur höflichkeitshalber in “irgendeine” Richtung weist.
2. Dass Du ignoriert oder umwuselt wirst
Es gibt Provinzen in China, dort werde ich als Europäer weitestgehend ignoriert. Und es gibt Provinzen, in denen werde ich ständig umwuselt und mit einem lauten “Helloooooo” begrüßt. Sowohl die eine als auch die andere übertriebene Art ist Ausdruck der Unsicherheit gegenüber dem Ausländer.
3. Dass Du zum Fotostar wirst
Eine Fortsetzung des lauten “Hellooooo” ist die Bitte um ein Foto. Zuerst setzt sich nur ein Mädchen aufgeregt für den gestatteten Fototermin zu mir. Dann das zweite. Dann trauen sich auch die anderen. Fotoapparate, Handies und iPhones werden gezückt und ausgetauscht und es wird fleißig abgedrückt.
Wenn alle Mädels durch sind trauen sich auch die Burschen. Einser – Zweier – Dreiergruppe – alles ist dabei. Und natürlich auch das Victory-Zeichen. Ganz wichtig!

Auf wievielen Chinesen-Fotos mit Victory-Zeichen ich zu sehen bin? Sind es 100 oder 200 innerhalb von eineinhalb Monaten? Oder gar 300? Keine Ahnung – ich habe aufgehört zu zählen.
4. Dass Dir jemand vor die Füße spuckt
Versehentlich natürlich. Zwar entschuldigen sich die spuckenden Damen und Herren danach nicht, aber sie meinen es keinesfalls böse. Denn das geräuschvolle Emporholen von Schleim aus den Bronchien ist überall beliebt. Das Produkt wird unmittelbar auf den Fußboden befördert und das nicht nur im Freien.
Ob die verschleimten Lungen mit der manchmal kratzenden und beißenden Luft in den Städten in einem Zusammenhang stehen? Den Spaß am geräuschvollen Massensport verderben in China immer mehr Schilder mit der Aufschrift “Spucken verboten”. Gemein, oder?
5. Dass Dich ein Taxifahrer…
…erst mit einem lauten “Hellooooo” zu sich heranwinkt und Dich dann nach kurzer Diskussion wieder vor die Taxitüre setzt, da er Dein Fahrziel nicht kennt.
Manchmal muss man den Taxifahrer dann zu seinem Glück zwingen (um endlich weiter zu kommen). Im Extremfall in der Stadt Zhangjiajie haben mir nicht einmal eine Adresse in chinesischer Schrift, eine Landkarte von Google Maps, die chinesische Landkarte des Taxifahrers und die Telefonnummer des Hotels geholfen. Wir waren bereits in der richtigen Straße und der Taxifahrer bog wieder falsch ab. Ein Fall von DAT (Dümmster anzunehmender Taxifahrer).
Wohlgemerkt: Der Fahrpreis wurde bereits vor der Fahrt fixiert.
6. Dass Du am Markt etwas kaufen möchtest…
…und die Verkäuferin, den Kürbis eng umschlungen, auf ihrem Marktstand schläft. Wecken wollte ich die Dame in einem kleinen Shanghaier Markt dann auch nicht.
In China wird übrigens auch in anderen Situationen in der Öffentlichkeit geschlafen. Die Arbeit bei der Eisenbahn ist anstrengend – gottseidank gibt es einen Speiswagen für ein kleines Nickerchen.

7. Dass Dir im Restaurant…
…die Kellnerin plötzlich ein Handy ans Ohr drückt. Dran ist ihre kleine Nichte die mit Dir ein paar Worte Englisch sprechen möchte.
Die Alternative: Aus einem benachbarten Geschäftslokal wird ein junges Mädchen von ihrem Vater herangezerrt. Etwas peinlich berührt fragt sie mich nach meinem Namen. Ich antworte und frage nach ihrem. Ein unsicherer Blick, eine knappe Antwort und dann läuft die Kleine weg. Ebenso unangenehm ist es für den Vater, der nun alleine vor meinem Tisch steht. Englisch sprechen kann er nicht. Da hilft nur lachen und ebenfalls davonlaufen.
8. Dass Du in der Straßenküche…
…oder an einem Verkaufsstand genau merkst, dass sie über Deine Chinesisch-Kenntnisse lästern. Dumm nur, wenn sie zehnmal das gleiche Wort wiederholen, das Du gerade vorhin gesagt hast.
9. Dass Du bei der Aussprache des Namen Deines eigenen Landes…
…nach eineinhalb Monaten Chinareise noch immer korrigiert wirst. Ich habe schon den Verdacht, dass Chinesen das Wort “Audili” für Österreich in jeder Provinz anders aussprechen. Die größte Schwierigkeit ist die Tonlage der einzelnen Wortteile. Für jede Silbe gibt es vier verschiedene Möglichkeiten sie auszusprechen. Im schlimmsten Fall heißt das Wort dann viermal etwas Anderes.
Auch die Bestellung von Bier hat schon einmal besser geklappt. Im Augenblick bin ich wieder mit den unterschiedlichen Tonlagen am Experimentieren. Gottseidank gibt es fast überall in China Tsingtao-Bier. Das erleichtert im Ernstfall die Kommunikation.
Viele Möglichkeiten für den Tritt ins Fettnäpfchen
Der Kulturschock auf einer China-Reise findet sicherlich auf beiden Seiten statt. Während ich die geräuschvolle Spuckerei auf den Straßen ekelhaft finde mag so mancher Chinese gerüchteweise bei meiner Schneuzerei während eines nicht enden wollenden Schnupfens die Nase rümpfen (auch wenn mir eine Dame aus Hongkong nun gegenteiliges bestätigt hat).
Auch mit den Essstäbchen begehe ich wahrscheinlich in China so manchen Fauxpas, der dem Touristen grozügig verziehen wird. Und bestimmt gibt es für den “Laowei” – also den Ausländer – noch viele andere Möglichkeiten, um in China ins Fettnäpfchen zu treten.
Weitere Informationen zum Beitrag:
Übersichts-Landkarte Chinareise 2010
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Das ist sicher auch der Grund, warum Chinesen, sollten sie selbst einmal als Touristen unterwegs sein, sich ständig hinter Fotoapparaten verstecken. Mit der Vorgabe ständig beschäftigt zu sein, kann man schließlich in keine Fettnäpfchen treten. Naja, ist nur so ‘ne Theorie…
Witzig, was da alles passieren kann. Aber macht das nicht auch mit den Reiz einer jeden Reise aus?
Viel Spaß weiterhin.
Greets
Sven
@Sven: Ohne Fettnäpfchen wäre eine Reise ja wirklich fad und man würde nichts dazulernen. Wie Du richtig sagst, das Fremde ist doch einer der tollsten Reize einer Reise. Beste Grüße
Also ich habe da auch ganz andere Erinnerungen an China. Ich kann mich erinnern in Peking in einen Bus einsteigen zu wollen, der zur Chinesichen Mauer fuhr. Neben mir (damals mit einem Briten zusammen) stand auch eine junge Frau offensichtlich hoeherne Standes. Als diese mitbekommen hat, das auch wir in diesen Bus einsteigen wollten, hat sie einen derartigen Aufstand gemacht, das wir dann doch erst mit dem naechsten Bus gefahren sind. Wir haben dann erfahren, dass sie sich strikt geweigert hat mit uns Auslaendern (Ich meine die Chinesen hatten damals einen Begriff fuer Auslaender der so viel wie “weisser Teufel” bedeutete)in einem Bus zu sitzen. Ich habe da mal kennengelernt wie es ist Opfer von Rassismus zu werden.
Mag sich ja in den letzten 20 Jahren geaendert haben. Damals fand ich das ziemlich schockierend. Hat mein Bild von China nachhaltig gepraegt.
Gruss RR
@rrhase: Das ist ja wirklich sehr interessant, was Du hier erzählst. Gottseidank hatte ich auf Reisen bisher keine Probleme mit Rassismus – zumindest hab’ ichs nicht mitbekommen.
In China – und auch anderen kommunistischen Staaten – war es doch früher oft verboten, mit Ausländern zu intensiven Kontakt zu pflegen. Vielleicht hat sie deshalb ein bisschen überreagiert? Wobei die gemeinsame Benützung der Öffentlichen Verkehrsmittel damals meines Wissens kein Problem war…
Ich denke mal, die Zeiten haben sich auch in China veraendert.
China war auch nicht das einzige Land in dem ich offenem Rassismus begegnet bin. Ich manchen Laendern Europas koennte ich es ja noch verstehen. Denen haben wir viel Unrecht angetan. Aber bei China war das was besonderes.
Weiterhin eine schoene Reise und in Gedanken bin ich immer dabei.
Gruss RR
@rrhase: Hmmm…ist Rassismus nicht generell etwas Irrationales? Ich denke nur daran, dass zB. Schwarze in China nicht gern gesehen sind. Und nicht nur dort – und sie haben eigentlich niemandem etwas getan.
Mmh… ich denke, Rassismus kann etwas Irrationales sein, lässt sich aber meist sehr rational erklären. Es ist schlichtweg die Angst vor dem Fremden, vor Dingen die man nicht kennt, vor Menschen, die man in ihrer äußeren oder religiösen Eigenart vorher noch nie gesehen, sich gedanklich noch nie mit ihnen auseinandergesetzt hat.
Begründet wurde der Begriff ja schließlich auf die im 20. Jahrhundert aufkeimenden Rassentheorien, die genau an solchen Merkmalen versuchten, Unterschiede herauszustellen, um die eigenen Attribute zu sichern, zu stärken und letztlich die eigene Gemeinschaft – in Abgrenzung zum Fremden – zu festigen. Der vorerst letzte Höhepunkt dürfte jedem aus dem Schulunterricht bekannt sein.
Viele sind damit in einer immer enger zusammenwachsenden Welt schlichtweg überfordert. Egal ob Chinesen, Afrikaner oder Europäer (auch hierzulande keimt ein “neuer” Rassismus auf): in ihrer Unsicherheit dem Fremden gegenüber sind alle gleich.
Nur wenige haben den Mut und stellen sich dieser Angst. Aber dafür bereisen sie dann auch Länder, die den Ängstlichen verschlossen bleiben werden.
Beste Grüße
Sven
@Sven: Danke für Deinen tollen Kommentar – da kann ich nur sagen: Menschen sollen reisen, reisen, reisen!
@Andersreisender: Dem schließe ich mich 100%ig an. Gibt es da nicht auch dieses Sprichwort, das da sagt: im Reisen begegnen wir uns letztlich doch immer wieder selbst?
Wünsch Dir weiterhin viel Spaß auf Deiner Reise und noch viele tolle Abenteuer.
Beste Grüße
Sven
@Sven: Dankeschön!