Transsib (18): Peking I

Freitg, 13. Februar 2009

Kurz nach 14 Uhr – ich bin gerade aus Ulaanbaatar am Pekinger Hauptbahnhof angekommen.

Peking - Hauptbahnhof

Den Eingang zur U-Bahn am Bahnhof Peking findet man leicht. Ich kaufe ein Ticket – und sehe schon im Freien eine etwa 30 Meter lange Schlange vor dem Eingang zur U-Bahn. “Super” denke ich, “das wird doch nicht genau so bloed beginnen wie meine Geschichte in der Moskauer Metro…”.

Peking Hauptbahnhof - U-Bahn

Mein Gepaeck wird von Minute zu Minute schwerer. Aber ich habe Glueck: Nach 10 Minuten bin ich beim Eingang und sehe, dass hier das Gepaeck durchleuchtet wird – und das haelt auf. Dann kommen die Menschen in Fluss und man ist sofort am Bahnsteig.

Alles ist vorbildlich beschrieben, man findet sehr einfach seinen Weg. Die wichtigsten Informationen sind auch in lateinischer Schrift angegeben. In den Zuegen werden die Stationen in Chinesischer und Englischer Sprache durchgesagt. Leuchtschriften informieren ueber die naechste Station – da kann wirklich nichts mehr schief gehen.

Yang wartet auf mich wie vereinbart beim Exit A bei der Station Qianmen. Dann kann ich mein Gepaeck in das direkt am Tian’anmen-Platz geparkte Auto geben. Endlich von der Last befreit! Auf die Frage, dass hier mitten am Platz auch nicht jeder parken duerfe antwortet er “mein Vater arbeitet hier” – alles klar. Wir muessen noch ein bisschen auf die Weiterfahrt warten und machen einen ersten Spaziergang ueber den Platz.

Yang erklaert mir, dass ich nicht bei ihm, sondern bei seinem Cousin wohnen werde. Der Grund: Sein Baby weint die ganze Nacht. Kein Problem – ich bevorzuge lieber eine ruhige Nacht beim Cousin. Am fruehen Abend sind wir dann bei der Wohnung. Die Fahrt dauerte eine gefuehlte Ewigkeit und doch sind wir noch immer mitten in der Stadt. 16 Millionen Menschen muessen halt irgendwo leben – und das braucht Platz.

Wir fahren von der Hauptstrasse in die Gasse, wo die Wohnung liegt. Ich denke erst, dass der Schriftzug ueber der Strasse vielleicht ueber Strassennamen oder aehnliches informiert – aber es ist nur eine Reklame des naheliegenden Hotels. Die Gasse sieht eigentlich aus wie ein Markt. Vieles wird auf der Strasse verkauft. Gegrillte Huehner, Gemuese, Tofu, Suessigkeiten und so einiges fuer mich undefinierbares. Es herrscht reges Treiben in der Gasse – Fahrradklingeln, Hupen und Menschen, die miteinander plaudern. Sehr spannend – das muss ich mir bei Tageslicht genauer ansehen.

Peking - Xincun

Im 3. Stock eines Wohnhauses stellt mir Yang seinen Cousin Ihr und seine Tante Lee Schu Pin (wie man das auch immer schreibt) vor. Ich beziehe mein Zimmer. Alles ist geraeumig, schoen eingerichtet und sehr sauber. Kurze Zeit spaeter gibt es auch schon Abendessen. Verschiedene Schuesseln werden auf den Tisch gestellt, jeder bekommt – wie auch bei uns beim “Chinesen” – eine kleine Schuessel und natuerlich Staebchen.

Yang erklaert mir, dass alle gemeinsam aus den grossen Schuesseln essen – jeder nimmt sich also mit den Staebchen was er moechte. In der kleinen, eigenen Schuessel hat man etwas Reis. Und los geht’s mit dem Durchprobieren. Zur Auswahl gibt es Schweinerippchen, Huhn mit Fruehlingszwiebeln, Schweinefleisch in etwas schaerferer Sauce und “faule Eier” mit Tofu. Man kann sie auch fermentierte Eier nennen, das Eiweiss und Einklar veraendern sich durch lange, spezielle Lagerung und verfaerben sich. Schmeckt in Kombination mit dem gewuerzten Tofu sehr gut. Es gibt sicherlich verschiedene Zubereitungsarten, ein paar Details zu den “tausendjaehrigen Eiern” hier in Wikipedia.

Dann freue ich mich auf eine Dusche. Im Bad bemerke ich, dass es hier keine Brausetasse gibt. Ich werde von Ihr auch schon aufgeklaert, dass ich mich einfach in die Ecke des Bades stellen solle – dafuer oeffnet er extra den im Boden eingelassenen Abflussdeckel. Auch der Brausekopf inklusive Anschluss am Boiler sieht sehr provisorisch aus. Ich ueberlege, ob sich Chinesen vielleicht anders waschen als Europaeer? Mir fallen die vielen Lavoirs und auch ein grosser Eimer mit Wasser und einer Schoepfkelle auf. Der Wasserstand im Eimer hat sich bis zum naechsten Vormittag veraendert. Wieder eines von vielen “Chinesischen Geheimnissen” ;-)

Leider spricht Ihr nur sehr wenig Englisch und seine Mutter so gut wie gar nicht. Man verstaendigt sich mit Haenden und Fuessen – ueber “ni hau” und “sje, sje” und “gambej” ist mein Wortschatz leider noch nicht hinaus gekommen. Als Abendbeschaeftigung dient daher wieder das Blog-Schreiben. Inzwischen ist auch Ihr’s Vater von der Arbeit nach Hause gekommen.

Gegen 23 Uhr ist Bettruhe und ich ziehe mich ebenfalls in mein Zimmer zurueck. Toll, ich habe ein mit Dinkel – oder aehnlich – gefuelltes Kissen! Wie man darauf schlaeft? Morgen werde ich’s wissen!

Samstag, 14. Februar 2009

Man schlaeft herrlich – ich will gar nicht mehr aus dem Bett! Gegen neun Uhr muss es dann doch sein, sonst laeuft mir die Zeit davon. Zum Fruehstueck gibt es suess schmeckendes Toastbrot, gebratene Eier aus dem Wock und Gruenen Tee. Ihr registriert mich bei der Polizei – das muss innerhalb von 24 Stunden nach Ankunft erledigt werden. Nach 20 Minuten ist er wieder da – nicht so ein kompliziertes Unterfangen wie in Russland.

Dann mache ich mich mit Bus 692 auf zum Tian’anmenplatz. Bei den beiden mittleren Eingaengen sitzen in Peking Schaffnerinnen. Dort kann man sein Ticket kaufen oder eine Prepayed-Magnetkarte zum Entwerter halten. Beim Ausstieg muss man nochmals entwerten, da ansonsten die Fahrt bis zum Ende berechnet wird. In manchen Bussen wird nach Streckenlaenge bezahlt, in manchen gilt der Einheitstarif 1 Yuan (ca. 10 Cent). Die Stationen werden in Englisch und Chinesisch durchgesagt, was die Orientierung sehr erleichtert. Auch auf einer Laufschrift ist die jeweilige Station zu lesen.

 

Unmittelbar nach der sanften Tonband-Ansage bruellen die Schaffnerinnen bei viel Betrieb etwas (fuer mich sowieso) unverstandliches ins Mikrofon. “Qianmen” – meine Station – hier muss ich raus.

Nochmals wird der Tian’anmenplatz – auch Platz des Himmlischen Friedens genannt – inspiziert. Hier befindet sich auch das Mao-Mausoleum. Aber auch dem 1976 verstorbenen Mao Zedong muss ich leider – wie schon Lenin in Moskau – den Besuch absagen, zu kompliziert sind mir die Sicherheitsvorschriften. Er wird’s verkraften…

 

Ausserdem zu sehen auf diesem Platz: Das Nationalmuseum, das Tor des Himmlischen Friedens, die Grosse Halle des Volkes, das Denkmal fuer die Helden des Volkes und das eben erwaehnte Mao-Mausoleum. Der Platz des Himmlischen Friedens wird oft als der groesste, befestigte Platz der Welt bezeichnet. Der Rote Platz in Moskau kam mir aber wesentlich groesser vor. Kommt natuerlich immer darauf an, welche Flächen man alles mitrechnet. Dann noch schnell ein “Touristen-Foto” auf dem Platz, auf dem 1989 nichts passiert ist gemacht…

Peking - Tiananmenplatz/Platz des Himmlischen Friedens

Ausserdem findet am Platz zweimal taeglich eine Fahnen-Zeremonie statt – die dazugehoerige Wache steht natuerich auch am Platz.

Peking - Tiananmenplatz/Platz des Himmlischen Friedens

Dann wird der Kaiserpalast und die Verbotene Stadt Besichtigt. Eine beeindruckende und ueberdimensional grosse Anlage. Ein “Audio-Guide” versorgt mich – nach Startschwierigkeiten – in Deutscher Sprache mit allem Wissenswerten. Zwar wurden die Informationen nicht immer an der richtigen Stelle gegeben und schon nach wenigen Minuten wurde ich verabschiedet – trotzdem eine nette, technische Spielerei. Ausserdem haette ich auch ohne Audioguide den Ueberblick ueber die unzaehligen Raeume, Palaeste, Tore, Gaerten und Plaetze in der Verbotenen Stadt verloren.

Peking - Verbotene Stadt

Peking - Verbotene Stadt

Peking - Verbotene Stadt

Peking - Verbotene Stadt

Peking - Verbotene Stadt

Peking - Verbotene Stadt

Das duerfte auch einigen anderen Besuchern so ergehen, denn ich war fuer sie anscheinend, als einer der wenigen Europaeischen Touristen, hier die “Hauptattraktion”. Staendig wollte man mit mir darauf Fotos machen – einmal habe ich “zurueckgeschossen”

Peking - Verbotene Stadt - Foto mit Touristen

Und noch ein Schnappschuss ist mir gelungen: Die “Palastwache” beim Basketball-Spielen. Mao Zedong wird sich im Grab umdrehen…

Verbotene Stadt Peking - Basketball

Nach mehr als dreieinhalb Stunden in der Verbotenen Stadt erreiche ich den Ausgang im Norden. Ich beschliesse, einen Spaziergang durch den nahegelegenen Beihai-Park zu machen. Auf die Jadeinsel fuehrt eine weisse Marmorbruecke. Von hier aus sieht man die Weisse Flaschenpagode im indischen Stil, die 1651 von einem nepalesischen Arichtekten zu Ehren des ersten Besuchs eines Dalai Lamas in Peking erbaut wurde.

Peking - Beihai-Park

Dann gibt’s erst mal Futter – es ist schon nach 14 Uhr. Nudelsuppe steht am Speiseplan, ich bekomme dazu Staebchen serviert. Ich spicke beim Nachbarn und sehe, dass er die Einlage in der Suppe mit den Staebchen isst. Leider uebersehe ich in meinem Kampf gegen die Schwerkraft, wie bei ihm die Fluessigkeit verschwunden ist. Ich vermute, er hat sie einfach ausgetrunken – ich bestelle als “wohlerzogener Europaeer” dann doch einen Loeffel. Ich entdecke eine Saeco “Vienna” und freue mich auf einen guten Kaffee, der nun schon seit Tagen ausstaendig ist. Die Bedienung fragt mich, welchen ich gerne haette und deutet auf eine Tafel mit chinesischen Schriftzeichen. Ich sage “Cappuccino”. Es hat funktioniert :-)

Beim Spaziergang durch den Park entdecke ich auch einen Pflastermaler. Mit Wasser pinselt er chinesische Schriftzeichen vor sich hin – nach wenigen Minuten sind sie wieder verschwunden…
Beihaipark Peking - Schriftenmaler
Genug im Park spaziert – mir ist wieder nach “City” zumute. Ausserdem sind die Wege in dieser Stadt sehr weit und eine U-Bahn Station ist nicht ueberall greifbar. Am Weg zurueck zum Verbotenen Stadt fallen mir die spannenden Kombinationen der Kabel an den O-Bus-Masten auf. Hier haengt wirklich alles, was nur irgendwie draufpasst, inklusive Strassenbeleuchtung.
Peking - Kabelsalat
Zunaechst marschiere ich zurueck zum suedlichen Ende des Tian’anmenplatzes. Dort befinden sich das Zhengyang-Tor und das Jianlou-Tor. Sie bildeten einst das zentrale Suedtor der Palaststadt.
Peking
Von dort geht es – laut meinem Merian-Reisefuehrer in die Chinesenstadt. Die Qianmen Dajie bildet hier die zentrale Strasse. Frueher war es das Vergnuegungs- und Freudenviertel, auch Handwerker und Haendler hatten hier ihre Heimat. “Kleine graue Ziegelhaeuschen in verschachtelten Hoefen, herrliche alte Kaufhausfassaden, zahlreiche Laeden, Garkuechen und Strassenhaendler findet man auch heute noch vornehmlich westlich der Qianmen Dajie, in den Hutongs (= kleine Gassen)”. Ich suche vergebens diese alten Gebaeude – was man hier sieht ist das:
Peking - Qianmen Dajie
Qianmen Dajie
Ich bin zutiefst erschuettert – hier hat man vor den Olympischen Spielen ein neue Strasse mit lauter auf “alt” getrimmten Haeusern hingestellt – alles sieht wie im “Disneyland “aus. Die Strassenbahn faehrt zur Belustigung mit Batterie durch die Strasse und ist ebenfalls auf “alt” getrimmt. Den Stromabnehmer hat sie nur zur Zierde. Man macht sich nicht mal die Muehe, eine funktionierende Uhr zu installieren – selbst die ist nur aufgemalt und “fake”.
Qianmen Dajie - Peking
Alles, was man nicht sehen sollte, wird einfach mit huebsch bedruckten Bauplanen zugedeckt – hier geht es zu den letzten “echten” verbleibenden Gassen, die noch nicht kommerziell genutzt werden. Aber auch die werden demnaechst abgerissen. Man braucht nur nach aehnlich gestalteten Bauzaeunen in der Stadt zu suchen – dann weiss man, wo ein Viertel abgerissen wird.
Qianmen Dajie - Peking
Auffaellig ist, dass 90 % der Geschaeftsflaechen in der “Hauptstrasse” leerstehen. Die Schaufenster sind mit blauen Tuechern verhaengt. Wartet man hier auf die Flagship-Stores der grossen Marken?
Peking - Qianmen Dajie
In einer – ebenfalls neu gebauten – Seitengasse der “Fake Street” sind hingegen alle Geschaefte belegt.Es ist schon spaet und so beschliesse ich, eventuell noch vorhandene kleine “Hintergaesschen” am naechsten Tag zu suchen. Ausserdem muss ich noch die Bushaltestelle “heimwaerts” suchen. Ich muss mich auf mein “Gespuer” verlassen, da ich an einem anderen Platz einsteigen will, als ich heute frueh ausgestiegen bin. Das “Gespuer” fuehrt mich eine dreiviertel Stunde lang zurueck zur Bushaltestelle am Tian’anmenplatz.
Kurz nach sieben Uhr kehre ich zurueck in die Wohnung. Im Stiegenhaus ist es stockdunkel. Ich taste mich vor und suche einen Schalter – Fehlanzeige. Ich trappse die Stufen zur offenen Haustuere zurueck – das Licht geht im 1. Stock an. Mich wundert allerdings, wer es eingeschaltet hat – es ist niemand zu sehen. Weiter vortasten in den 2. und 3. Stock – kein Lichtschalter in Sicht, aber ich erkenne die Umrisse der Wohnungstuere und klopfe. Ihr oeffnet mir die Tuere – ich frage, wie man das Licht an macht. Ganz einfach: In jedem Stockwerk einmal Klatschen ;-)

Kein Scherz – das ist wahr!

Ich speise heute gemeinsam mit dem Vater, der gerade von der Arbeit nach Hause gekommen ist. Taeglich ueberrascht mich die Chinesische Kueche aufs neue. Es gibt eine Art Tortellini – nur etwas groesser. Dazu eine intensive Sauce aus Essig, Sojasauce und gruenem (eingelegten?) Knoblauch. Dazu einen Salat bestehend aus u.a. Stangensellerie, Erdnuessen, Karotten, Bambussprossen und Pilzen. Leider klappt die Verstaendigung nicht so gut – ich wuerde sonst viel mehr Fragen stellen. So bleiben Lee Schu Pin viele Rezeptfragen erspart.

Die grossen “Truemmer” mit Staebchen zu essen ist gar nicht so einfach. Danach bekomme ich noch eine “Suppe” gerecht. Mir wird erklaert, dass dies das Kochwasser der Teigtaeschchen ist. Vater und ich schluerfen die Suppe – man sieht mich erwartungsvoll an. Naja – Geschmackserlebnis ist das keines.

Der Abend: Ich Internet – Familie gebannt vor dem Fernseher. Der laeuft hier ebenfalls die ganze Zeit mit irgendeinem sinnlosen Unterhaltungsprogramm. Uebrigens: Es werden staendig Chinesische Untertitel eingeblendet. Dies liegt daran, weil in den unterschiedlichen Regionen unterschiedliche Dialekte gesprochen werden. Und daher versteht sich die Chinesen nicht unbedingt untereinander.

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  1. […] kommt sie mir vor wie gestern, meine Sightseeing Tour über den Tiananmenplatz und durch die Verbotene Stadt, der Ausflug zum Birds Nest im Olympiazentrum, zur Großen Mauer oder zum […]

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