17: Mit russischen Freunden auf Reisen essen und trinken

Be­reits mehr­mals ha­be ich mit an­de­ren Men­schen hier in Russ­land ge­mein­sam ge­ges­sen. Je­des Mal war ich da­von be­geis­tert, wie das ge­mein­sa­me Mahl vor si­ch geht. Und je­des Mal war ich eben­so ver­un­si­chert.

Es ist ei­ne Art ge­mein­sam zu spei­sen, die viel in­ti­mer ist, als wir sie in Eu­ro­pa ken­nen und prak­ti­zie­ren. Ist man si­ch sym­pa­thi­sch, brei­tet im Zug je­der Fahr­gast im Ab­teil sei­ne mit­ge­brach­ten Spei­sen am ge­mein­sa­men Tisch­chen aus und und es be­dient si­ch je­der da­von. Je­der greift bei den selbst mit­ge­brach­ten und den frem­den Spei­se zu. Hier gibt es kein “das ist mein und das ist de­in” – nein, das ist un­ser ge­mein­sa­mes Es­sen.

Aller Anfang ist nicht leicht

So toll ich die­se Art zu spei­sen auch fin­de, so sehr zu­rück­hal­tend und et­was ver­krampft war ich bis­her. Da war zB. im Zug das Pro­blem: Wel­che Spei­sen soll­te ich bei­steu­ern? Was mö­gen auch die an­de­ren Fahr­gäs­te, die ich zum Zeit­punkt des Ein­kaufs ja oft gar nicht ken­ne? 2009 bin ich bei mei­ner ers­ten Trans­sib-Rei­se mit ös­ter­rei­chi­schen Jau­sen­würs­ten aus Schwei­ne­flei­sch und dem gut ge­mein­ten Bier-An­ge­bot bei mei­nem tsche­tsche­ni­schen Rei­se­ge­fähr­ten Isa ziem­li­ch ein­ge­fah­ren. Klar, als prak­ti­zie­ren­der Mos­lem isst er kein Schwei­ne­flei­sch. Auch mit Al­ko­hol konn­te ich in die­sem Fall nicht punk­ten.

Essen und Trinken gehören zusammen

Wird in Russ­land Al­ko­hol ge­trun­ken, wird da­zu auch et­was ge­ges­sen. Ver­schie­de­ne Tel­ler mit klei­nen Häpp­chen – man nennt sie Sa­kus­ki –  ste­hen eben­falls mit­ten am Tisch. Be­liebt sind ein­ge­leg­te oder ein­ge­salz­te Gur­ken aber auch fri­sche, klei­ne Fi­sche, Ei­er oder ver­schie­de­nes Ge­mü­se. Da­zu ge­hört auch Brot. Wod­ka wird nie­mals al­lein ge­trun­ken, son­dern nur in Ver­bin­dung mit den pi­kan­ten Köst­lich­kei­ten. Bei mei­ner Ein­la­dung im Zug Nr. 16 konn­te ich dies zum ers­ten Mal mit ver­fol­gen.

Bei den Ge­trän­ken geht es an­schei­nend we­ni­ger dar­um, aus wel­chem Ge­fäß sie ge­trun­ken wer­den. Wich­tig ist, dass im Zwei­fels­fall ein Ge­fäß be­reit steht – egal ob ei­ne Kaf­fee­tas­se für den Wod­ka oder ein Tee­glas fürs Bier.

Um mi­ch bei die­ser spon­ta­nen Ein­la­dung auch ein­brin­gen zu kön­nen, or­ga­ni­sier­te ich kurz­fris­tig ei­ni­ge Fla­schen Bier im Spei­se­wa­gen. Das kam an­schei­nend gut an. Im zwei­ten An­lauf, wenn die Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit stimmt, klappt es dann ja doch mit den al­ko­ho­li­schen Ge­trän­ken.

Perfekte Gastgeber

Wenn man bei Theo­dor und Feo­dor in Ir­kutsk zu Gast ist, hat man wahr­schein­li­ch die bes­ten Gast­ge­ber auf der Welt ge­fun­den. Auch auf un­se­rem Aus­flug mit der Cirum-Bai­kal-Bahn war an al­les ge­dacht. Wie auch die an­de­ren rus­si­schen Rei­sen­den, “jaus­ne­ten” wir den gan­zen Tag da­hin: Sü­ßig­kei­ten, Him­bee­ren, Pis­ta­zi­en, Mohn­stu­del, Äp­fel, Ba­na­nen, Stu­den­ten­fut­ter, Tee und Mi­ne­ral­was­ser ge­hör­ten zum Rei­se­pro­vi­ant.

Ich hat­te nicht ein­mal Ge­le­gen­heit, no­ch et­was bei­zu­steu­ern – aber ich hät­te auch nicht ge­wusst was. Ge­schwei­ge denn: Ich hät­te mi­ch – so wie es “bei uns” üb­li­ch ist – wahr­schein­li­ch gar nicht so in­ten­siv auf die­sen Aus­flug vor­be­rei­tet. Ein Mi­ne­ral­was­ser hät­te ich ein­ge­packt, und das war’s dann. In die­sem Fall ist für mi­ch ein sol­ch üp­pig be­la­de­ner “Rei­se­ti­sch” ein be­son­de­rer, aber auch tol­ler An­bli­ck.

Genaue Einschulung in der Transsib

Heu­te wer­de ich von Svet­la­ne, Ana­to­lio und Rus­lan no­ch ein­mal ei­ner ge­nau­en Schu­lung in Sa­chen ge­mein­sa­mes Es­sen und Trin­ken un­ter­zo­gen. Mitt­ler­wei­le bin ich auch schon et­was si­che­rer und mein Brot fin­det ge­nauso wie die rus­si­sche Braun­schwei­ger den ge­mein­sa­men Tisch. Beim Zu­grei­fen bei den Spei­sen der an­de­ren bin ich et­was zö­ger­li­ch, mit den Wor­t­en “Ger­hard pro­ba­re!” wer­de ich aber mit al­lem ge­füt­tert, was auf dem Tisch steht.

Svet­la­ne schlägt zwei­mal mit dem Zei­ge- und Mit­tel­fin­ger der rech­ten Hand auf die Ober­sei­te ih­res Hal­ses. Ein un­trüg­li­ches Zei­chen: Nun kommt der Wod­ka ins Spiel. Sie zau­bert ei­ne Fla­sche Ka­sa­chi­schen Wod­ka aus ih­rer Ta­sche her­vor und stellt ihn auf den Tisch. Ana­to­lio teilt aus, ist beim Ein­schen­ken aber fair und macht tat­säch­li­ch “Halt” als ich dies wün­sche. In mei­nem Glas be­fan­den si­ch un­ge­fähr 4cl, al­so die auch in Ös­ter­reich üb­li­che Men­ge, in der man Schnaps trinkt. Ana­to­lios Trink­glas ist bis zur Hälf­te voll, Svet­la­nes Pe­gel liegt un­ge­fähr in der Mit­te.

Antolio schult mich im Zug in Sachen Wodka ein

An­to­lio schult mi­ch im Zug in Sa­chen Wod­ka ein

Mit ei­nem freund­li­chen “da­waj” wer­den die Glä­ser ex ge­leert. Svet­la­ne kneift die Au­gen fest zu­sam­men und riecht am Brot um den schar­fen Ge­schmack zu ver­trei­ben. So­fort bie­tet sie mir ei­ne ein­ge­leg­te Gur­ke “zum Nach­es­sen” an. Ana­to­lio schüt­telt si­ch und greift dann auch so­fort zu den pi­kan­ten Spei­sen.

So läuft das al­so mit dem Wod­ka und den Sa­kus­ki – gut: Dann kön­nen wir ja in die zwei­te Run­de ge­hen.

Der Trinkspruch

Theo­dor er­klär­te mir be­reits 2009, dass zwar in Hol­ly­wood-Fil­men mit “sa sdo­ro­wje” oder ähn­li­chen Sprü­chen an­ge­pros­tet wird, dies aber nichts mit der rus­si­schen Wod­ka-Rea­li­tät zu tun hat. In Russ­land wird nicht ein­fach “auf die Ge­sund­heit” an­ge­sto­ßen, son­dern der Trink­spruch der je­wei­li­gen Si­tua­ti­on an­ge­passt.

Für Men­schen, die kein Rus­si­sch spre­chen, gibt es ei­nen kur­zen aber prä­gnan­ten Trink­spruch, der im­mer passt:  “Da­waj” (ky­ril­li­sch: давай) – ein­fach über­setzt “lasst uns...” – ist das uni­ver­sell ein­setz­ba­re “Zau­ber­wort”.

So schön, so gut. “Da­waj” als uni­ver­sa­ler Trink­spruch ist bei mir ab­ge­spei­chert und wird flei­ßig ein­ge­setzt. Nach meh­re­ren Run­den “da­waj” stößt Svet­la­ne heu­te mit mir plötz­li­ch mit “sa sdo­ro­wje” an. Nun über­le­ge ich: Will sie das Kli­schee die­ses Trink­spruchs im Aus­land wah­ren? Oder steckt et­was An­de­res da­hin­ter? Ich be­schlie­ße, die auf­kei­men­de Un­si­cher­heit im nächs­ten Wod­ka schnell zu er­trän­ken. “Da­waj”!

Schnell mal den Laptop aufladen

Lei­der gibt es im Zug Nr. D 8NJ nur am Gang ein paar Steck­do­sen. Na­tür­li­ch sind sie heiß be­gehrt, ge­wief­te Mit­rei­sen­de ha­ben auch ein Ver­län­ge­rungs­ka­bel da­bei, das dann ins Ab­teil führt. Nach­dem mir die­ses prak­ti­sche Zu­be­hör fehlt, muss ich zum Auf­la­den mei­nes Lap­top-Ak­kus et­was krea­ti­ver sein. Um ihn stän­dig aus dem Ab­teil im Au­ge be­hal­ten zu kön­nen, muss ich den Lap­top in ei­nem der Not­sit­ze ein­klem­men. So brau­che ich mi­ch vor Die­ben nicht zu fürch­ten.

Ge­ra­de als die­se et­was “rus­si­sche” Kon­struk­ti­on fer­tig ist läu­tet mein Han­dy: Zeit für das heu­ti­ge “16-Uhr-Bli­ck-in-die-Welt-Fo­to”.

Laptop-Akku aufladen in der Transsibirischen Eisenbahn

Lap­top-Ak­ku auf­la­den in der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn

Aktueller Stand um 16 Uhr:

Ort: Trans­si­bi­ri­sche Ei­sen­bahn, kurz nach Amas­ar, Ost­si­bi­ri­en, 7.004 Ki­lo­me­ter von Mos­kau ent­fernt

Land: Russ­land

Wet­ter: wech­sel­haf­tes, herbst­li­ches Wet­ter, ca. 15 bis 20 Grad.

Zeitverschiebung:

Zur Mit­tel­eu­ro­päi­schen Som­mer­zeit in Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz be­trägt der Zeit­un­ter­schied + 8 Stun­den. Steht in Amas­ar in Si­bi­ri­en die Uhr auf 16 Uhr ist es in Mit­tel­eu­ro­pa er­st 8 Uhr.

Die kommende Nacht werde ich hier verbringen:

Im Zug Nr. D 8NJ No­wo­si­birsk – Wla­di­wos­tok am Weg von Ir­kutsk nach Wla­di­wos­tok (Trans­si­bi­ri­sche Ei­sen­bahn).

Kommentare

  1. Dass das “Wäs­ser­chen” in Russ­land und an­gren­zen­den Ge­bie­ten zum Grund­nah­rungs­mit­tel ge­hört, hielt ich bis da­to für ein Ge­rücht. Aber of­fen­sicht­li­ch scheint das Trin­ken zum All­tag zu ge­hö­ren. Da kann ich mi­ch echt nur wie­der­ho­len: Mann, was be­nei­de ich Dich... 😉

    Greets
    Sven

  2. Das mit dem Es­sens­tau­sch klingt in­ter­es­sant, aber ich den­ke, dass ich da ge­n­au so schüch­tern wä­re! 😀
    Je­den­falls er­lebst du ja ge­nug!
    Wei­ter­hin al­les Gu­te und nur gut, dass du nicht mehr in der Mos­kau­er Um­ge­gend bist, wo es brennt, qualmt und raucht.

  3. Lie­ber Ger­hard!
    Jetzt muss ich mi­ch auch ein­mal mel­den, le­se ich doch al­le Dei­ne Bei­trä­ge und ganz be­son­ders in­ter­es­siert mi­ch al­les über Kul­tur, Leu­te, Es­sen und Trin­ken. Mir wür­de no­ch wahn­sin­nig gut ge­fal­len, wenn Du bei Dei­nen Bei­trä­gen im­mer ei­ne Land­kar­te mit ei­ner Mar­kie­rung Dei­ner Po­si­ti­on mit­schick­st, dann könn­te man die Rei­se no­ch bes­ser nach­voll­zie­hen!
    Ich bin auch froh, dass Du weit weg von der Hit­ze und den ver­hee­ren­den Brän­den bist. Die Ka­ta­stro­phen­mel­dun­gen er­rei­chen uns stünd­li­ch und man denkt sehr an die ar­men Men­schen dort. Be­son­ders schlimm fin­de ich, dass aus­län­di­sche Hil­fe bis­her weit­ge­hend nicht an­ge­nom­men wird. Was hör­st Du denn über die Brän­de oder kriegst Du das gar nicht so mit?
    Ich bin ja auch schon so ur­laubs­reif, aber am Mitt­wo­ch geht es ab nach Na­xos! Freu mi­ch schon rie­sig. Das Zwer­gi im Bauch stram­pelt si­ch schon mäch­tig ab. Wir wis­sen ja im­mer no­ch nicht was es wird, weil es so gscha­mig ist und si­ch bei der letz­ten Un­ter­su­chung nicht ge­zeigt hat. So, jetzt hab ich ge­nug er­zählt von Din­gen, die nicht hier­her ge­hö­ren, aber das liest Du be­stimmt. Wer­de mi­ch er­st wie­der nach mei­nem Ur­laub am 30.8. bei Dir einkli­cken. Dann hei­ße ich üb­ri­gens Schei­cher!
    Wei­ter­hin al­les Gu­te und pass auf Dich auf!
    Bus­si GRETL

  4. Andersreisender meint:

    @Sven: In­ter­es­sant ist, dass ich auf mei­ner ers­ten Rei­se durch Russ­land kaum Wod­ka ge­trun­ken ha­be – ir­gend­wie wa­ren al­le Ab­sti­nent. Nun scheint es doch et­was an­de­res zu sein. Wie hat mei­ne Apo­the­ke­rin schon ge­sagt: “Ein Schnap­serl nach dem Es­sen auf Rei­sen ist ge­sund”. Dar­um geht’s mir im Ma­gen schein­bar nach wie vor gut 😉

    @Alex: Dan­ke­schön für die lie­ben Wün­sche! Hat man si­ch mal auf die herr­schen­den “Sit­ten” ein­ge­stellt klappt es mit dem Es­sens­tau­sch in der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn ganz gut 😉

    @Gretl: Hey, freut mi­ch von Dir zu hö­ren bzw. zu le­sen und dass Dir mei­ne Rei­se­be­rich­te ge­fal­len! Das mit der Kar­te ist so ei­ne Sa­che: Ur­sprüng­li­ch hät­te ich es ge­plant ge­habt, da es ein­fach prak­ti­sch ist. Vie­le Bei­trä­ge schrei­be ich aber off­line, da oft kein In­ter­net vor­han­den ist. In der kur­zen On­line-Zeit ver­su­che ich so vie­le Bei­trä­ge wie mög­li­ch zu ver­öf­fent­li­chen. Für Russ­land ha­be ich ei­ne Kar­te im ers­ten Bei­trag ge­stal­tet, Du fin­dest sie im Bei­trag über Russ­land. Aber je­des Mal ei­ne neue Kar­te an­zu­fer­ti­gen kos­tet ein­fach zu viel On­line-Zeit.

    Aber ich ha­be mir trotz­dem Ge­dan­ken dar­über ge­macht und glau­be, nun ein gu­tes Sys­tem ge­fun­den zu ha­ben. Ab Ja­pan – um den 14.8. – wer­de ich die neue Kar­te ein­mal tes­ten. Gib mir Be­scheid, ob man si­ch so bes­ser ori­en­tie­ren kann!

    Ich wün­sche Dir/Euch ei­nen wun­der­schö­nen Ur­laub in Grie­chen­land und freue mi­ch über Neu­ig­kei­ten vom Scheicher-“Bauchi” – ger­ne auch per E-Mail. Al­les Gu­te und Bus­si! Ger­hard

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