16: Alkoholprobleme, Familienanschluß & Zug-Alltag

Mor­gen­stund hat Whis­key im Mund” hat si­ch wohl der Pro­vod­nik ge­dacht, der mi­ch nun schon zum drit­ten Mal nach mei­nem Na­men und nach mei­ner Her­kunft fragt. Er ist als “Auf­pas­ser” von sei­nem rus­si­schen Schlaf­wa­gen­schaff­ner-Kol­le­gen kurz an mei­ne Sei­te ge­stellt wor­den, der mit mei­nen Ti­ckets auf­ge­regt da­von ge­saust ist. Es ist kurz vor sie­ben Uhr am Mor­gen, ich bin auf den ers­ten Ki­lo­me­tern der rund 4.100 Ki­lo­me­tern von Ir­kutsk nach  Wla­di­wos­tok (Trans­si­bi­ri­sche Ei­sen­bahn) un­ter­wegs.

Ir­gend­wie scheint in je­nen Zü­gen, in de­nen kaum oder gar kei­ne Tou­ris­ten rei­sen, das Ci­ty­star-Ti­cket be­son­de­re Auf­re­gung her­vor­ru­fen. Schon im Zug Nr. 140NJ hat­te es meh­re­re Stun­den ge­dau­ert, bis mit den Fahr­kar­ten al­les ge­klärt war.

Ge­n­au ge­nom­men macht auch hier im Zug Nr. 8NJ die Re­ser­vie­rung Pro­ble­me. Rus­si­sche Fahr­schei­ne und Re­ser­vie­run­gen ha­ben ei­nen Durch­schlag, bei mei­nen Re­ser­vie­run­gen von ÖBB und Deut­sche Bahn  gibt es aber kei­ne Ko­pie.

Der stark be­trun­ke­ne Schlaf­wa­gen­schaff­ner hat mir mitt­ler­wei­le ei­nen Platz im Dienst­ab­teil auf­ge­drängt an­ge­bo­ten. Ich neh­me auf dem mit schmut­zi­ger Bett­wä­sche über­häuf­ten Ho­cker platz. Wie­der fragt er mi­ch, wo­her ich kom­me und wie ich hei­ße, schaut mi­ch freu­de­strah­lend an und drückt mir dann die Hand.

Gott­sei­d­ank kommt der sehr net­te, aber kei­ner Fremd­spra­che mäch­ti­ge, Pro­vod­nik wie­der zu­rück und er­löst mi­ch end­li­ch von der Rausch­ku­gel. Das – wie auch im­mer ge­ar­te­te – Pro­blem mit der Bett­platz-Re­ser­vie­rung wer­de er er­st in fünf Stun­den lö­sen kön­nen. Auch Recht – ich bin ja die nächs­ten 72 Stun­den in die­sem Zug und er weiß ja wo er mi­ch fin­det. Ich möch­te nun end­li­ch no­ch ein paar Stun­den schla­fen, denn die Nacht war kurz.

Doch sein an­ge­hei­ter­ter Kol­le­ge fin­det es gar nicht gut, dass ich “schon” ins Bett ge­hen will. Ge­ra­de jetzt, wo wir uns so gut un­ter­hal­ten. Er bie­tet mir über­schwäng­li­ch ei­nen Whis­key an. Ich schnap­pe mei­ne Bett­wä­sche und er­grei­fe die Flucht.

Lei­se öff­ne ich die Ab­teil-Tü­re. Drei Bet­ten sind be­legt, es ist dun­kel. Lei­se be­rei­te ich mein Bett zum Schla­fen vor und schlüp­fe selbst un­ter die De­cke.

Leihopa mit Familie

Wer wem nun ge­lie­hen wur­de weiß ich gar nicht so ge­n­au. Die Fa­mi­lie, die er­st wie ei­ne aus­sah ist je­den­falls kei­ne. Al­les klar? Nein? Das ist es mir er­st auch nicht.

Al­so: Da wä­ren Mut­ter Svet­la­ne mit Sohn Rus­lan. Und dann wä­re mit 71 Jah­ren “Opa” Ana­to­lio. So nett wie er mit den bei­den um­geht denkt man, er sei mit ih­nen ver­wandt. Doch in Wirk­lich­keit ist er auch nur ein Fahr­gast, wie ich es bin.

Aber wür­de man zwei Ta­ge spä­ter ins Ab­teil schau­en wür­de man glau­ben, dass ich ein ad­op­tier­tes Kind aus dem fer­nen Wes­ten bin. Die rus­si­sche Gast­freund­schaft ken­ne ich ja be­reits, in die­sem Ab­teil scheint es aber fast no­ch ein biss­chen wei­ter zu ge­hen.

Russisches Zugabteil

Aber schön der Rei­he nach: Da ich ei­nen oberen Bett­platz be­le­ge, bie­tet mir Opa Ana­to­lio ei­nen Ta­ges-Sitz­platz auf sei­nem Bett an, da­mit ich auch am klei­nen Tisch­chen im Ab­teil und an der an­ge­reg­ten Dis­kus­si­on teil­ha­ben kann.  Es wird im Ab­teil Rus­si­sch ge­spro­chen. Opa Ana­to­lio kann ein paar Wör­ter Deut­sch, Svet­la­ne und Ruls­an spre­chen ein paar Wör­ter Eng­li­sch. Un­ge­fähr gleich vie­le Wör­ter wie ich Rus­si­sch spre­che. Wir ver­stän­di­gen uns, ob im­mer al­les rich­tig ver­stan­den wird, ist ei­ne an­de­re Fra­ge.

Be­vor wir no­ch in Ulan-Ude sind, bin ich be­reits “ad­op­tiert”. Ana­to­lio meint, ich müs­se un­be­dingt aus­stei­gen und mir den Bahn­hof an­se­hen. Er war lan­ge Zeit (dort) in der Werk­stät­te für Die­sel-Lo­ko­mo­ti­ven zu­stän­dig. Er bit­tet mi­ch, von ihm ein Fo­to vor den Bä­ren zu ma­chen, die vor dem Bahn­hofs­ge­bäu­de ste­hen.

Anatolio und Bären in Ulan-Ude

Wurstkauf in Russland

Ana­to­lio hat mi­ch mit sei­nen rus­si­schen Ge­schich­ten fest im Griff. Ich wer­de schön lang­sam zap­pe­lig, da ich no­ch ger­ne ei­ne Jau­se kau­fen möch­te, be­vor der Zug wie­der ab­fährt. Ich flit­ze zum Ki­osk. Was heißt Wurst auf Rus­si­sch? Kei­ne Ah­nung. Ich le­se der Da­me das vor, was ich vom Wurst­pel­len-Auf­druck in ky­ril­li­scher Schrift in der Aus­la­ge ent­zif­fern kann. “SCH W E I G E R”. Sie er­klärt mir, das sei ei­ne “Braun­schwei­ger”. Ob ich die neh­men wol­le?

Et­was pein­li­ch be­rührt wie­der­ho­le ich text­si­cher das Wort “Braun­schwei­ger” und be­stä­ti­ge den Kauf. Kommt da­von, wenn man si­ch nur auf die ein­zel­nen ky­ril­li­schen Buch­sta­ben beim Le­sen kon­zen­triert und nicht das gan­ze Wort er­fasst.

Der Alltag im Zug

Auch wenn man es nicht glau­ben will – aber es gibt kaum Zeit, dass ich mi­ch mei­nen Rei­se­be­rich­ten wid­me. Ei­gent­li­ch hat­te ich dar­auf ge­hofft, in den “un­end­li­chen Wei­ten” Si­bi­ri­ens et­was Zeit da­für zu fin­den.

Statt­des­sen tut si­ch stän­dig et­was. Bei vier Per­so­nen im Zug­ab­teil ist im­mer et­was los. Re­gel­mä­ßig wird ge­ges­sen, dis­ku­tiert, Fo­tos ge­schaut. Und auch Wod­ka ge­trun­ken. Dann gibt es drau­ßen im­mer wie­der et­was zu se­hen und bei Auf­ent­hal­ten muss man die La­ge auf dem Bahn­steig in­spi­zier­ten. Gibt es et­wa le­cke­re, ein­ge­leg­te Gur­ken oder Wa­re­ni­ki (ge­füll­te Teig­ta­schen) zu kau­fen?

Auch der Pro­vod­nik (der net­te, nicht der be­trun­ke­ne) kommt re­gel­mä­ßig auf ein Schwätz­chen vor­bei. Er ist no­ch sehr jung, en­ga­giert aber auch über­mä­ßig ge­stres­st und über­vor­sich­tig. Fünf Mi­nu­ten be­vor der Zug ab­fährt müs­sen wir schon al­le wie­der im Zug sein – dass ja kein Fahr­gast hin­ten ge­las­sen wird!  Da­für weckt er um­ge­kehrt ei­nen Fahr­gast vor sei­nem Aus­stiegs­bahn­hof nicht auf. Die­ser wacht in letz­ter Se­kun­de auf und schafft es ge­ra­de  no­ch aus­zu­stei­gen.

Au­ßer­dem ist der Schlaf­wa­gen­schaff­ner für die Sau­ber­keit sei­nes Wag­gons zu­stän­dig. Die Toi­let­ten ge­n­au so, wie die Ab­tei­le. Bei mehr­tä­gi­gen Fahr­ten ist schon ei­ne Grund­rei­ni­gung not­wen­dig. Un­ser “Alex­andrei” ist mit Wischmob und schon et­was schwar­zem Was­ser un­ter­wegs. In Wag­gons mit Tep­pi­chen surrt mehr­mals täg­li­ch der Staub­sau­ger.

Schlafwagenschaffner beim Putzen

Schlaf­wa­gen­schaff­ner beim Put­zen

So vie­le Ak­ti­vi­tä­ten ma­chen mü­de – dar­um wird auch aus­gie­big ge­schla­fen, wenn es die Fahr­wei­se des Lok­füh­rers zu­lässt. An das “frei hän­gen­de” Schla­fen im oberen Bett muss man si­ch er­st ge­wöh­nen. Ei­nen Si­che­rungs­bü­gel gibt es nur in den neue­ren Wag­gons.

Um 16 Uhr wird Karten gespielt

Kar­ten spie­len ist eben­falls ei­ne be­lieb­te Be­schäf­ti­gung auf Rei­sen. Ana­to­lio, Svet­la­ne und Rus­lan spie­len mit Kar­ten, die un­se­ren sehr ähn­li­ch se­hen. Auf dem 16-Uhr-Bli­ck-in-die-Welt-Fo­to sind sie ge­ra­de eif­rig am Spie­len. Rus­lan ist am Ge­win­nen.

Kartenspielen in der Transsibirischen Eisenbahn

Kar­ten­spie­len in der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn

Aktueller Stand um 16 Uhr:

Ort: Trans­si­bi­ri­sche Ei­sen­bahn, kurz vor Pe­trow­skij Sa­wod

Land: Russ­land

Wet­ter: wech­sel­haf­tes, herbst­li­ches Wet­ter, ca. 15 bis 20 Grad.

Zeitverschiebung:

Bei­na­he wä­re mein 16-Uhr Fo­to heu­te aus­ge­fal­len, da kurz vor Pe­trow­skij Sa­wod ei­ne Zeit­zo­nen­gren­ze ver­läuft und die Uhr da­her um ei­ne Stun­de vor­ge­stellt wird. So­mit ist es ei­gent­li­ch schon 17 Uhr Orts­zeit. Zur Mit­tel­eu­ro­päi­schen Som­mer­zeit in Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz be­trägt der Zeit­un­ter­schied + 8 Stun­den. Steht in Pe­trow­skij Sa­wod die Uhr auf 17 Uhr ist es in Mit­tel­eu­ro­pa er­st 9 Uhr.

Der Fahrplan bestimmt den Tag

Das Hun­ger- und Schlaf­ge­fühl so­wie der Fahr­plan be­stim­men den Ab­lauf im Zug. Ent­spannt glei­ten wir in den Abend und in die Nacht.

Die kommende Nacht werde ich hier verbringen:

Im Zug Nr. D 8NJ No­wo­si­birsk – Wla­di­wos­tok am Weg von Ir­kutsk nach Wla­di­wos­tok.

Kommentare

  1. Aha, die trin­ken auf Whis­key?
    Ich dach­te vor al­lem Wodka/Vodka!
    Na wie auch im­mer, haupt­sa­che an­ge­hei­tert! 😀

  2. Andersreisender meint:

    @Alex: Ja, ich war auch über­rascht! Hat­te 2009 auch schon Co­gnac im Glas 😉

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